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Allein spielen: Wie man sein Kind alleine lässt

by Undine Almani
Flauschi fühlt die Wiese - Wie man sein Kind allein spielen lässt

Als mein jetzt 5-monatiges Baby circa 12 Wochen alt war, habe ich sie öfter mal allein gelassen unter ihrem Spielbogen. Bis sie mit dem Ding mehr anfangen konnte als irritiert angucken hatte es ein bisschen gedauert. Und plötzlich hatte ich 45 Minuten Freizeit! Als wir sie das erste Mal eine halbe Stunde darunter hatten, setzten wir uns an den Tisch, konnten diese vollkommene, perfekte Konzentration des Minis auf dieses Ding kaum fassen, und wussten überhaupt nicht, wohin mit dieser neuerlichen Pausenzeit. Wir saßen einfach nur da und staunten.

Plötzlich Pause

Nach und nach habe ich das Baby dann öfter allein gelassen. Ach ja, und klar, mit diesem obligatorischen, schlechten Gewissen dabei, das darf nicht fehlen. Ich glaube, das geht sowieso nie weg. Solange man Kinder hat. Man hat halt nur den einen Versuch und will es nicht verkacken. Und man kann dieses süße Ding doch nicht allein lassen, um so profanem Scheiß nachzugehen wie… E-Mails lesen, Elterngeldantrag ausfüllen, Nägel schneiden – pah!

Ja, zugegebenermaßen, dass Alleinspiel hat auch Vorteile für die Eltern. Und ich finde es ehrlich gesagt ganz gesund, den Wunsch zu haben, zwischen all der 24/7-Verantwortung profanen Bedürfnissen Raum zu geben – oder auch intellektuellen. Ja, denen vielleicht erst recht!

Warum ist das Alleinspiel so wichtig?

Aber warum ist es auch gut, und richtig, Kinder allen zu lassen? – Jedes Baby und Kleinkind hat ein Bedürfnis nach Autonomie. Alleinspiel stärkt nach meiner Auffassung die Kreativität, das Selbstvertrauen und die Selbständigkeit.

Kreativität heißt, sich eigenständig Dinge auszudenken und sie umsetzen zu können – Aktivitäten zu finden, Objekte zu manipulieren, das Arbeiten mit Objekten aus dem Umfeld, Be-Greifen von Gegenständen. Also eine Mischung aus kreativ denken und planen und kreativ sein und probieren.

Jedes noch so kleine Baby hat Kreativität in sich. Das sieht man sofort, wenn man es nur ein paar Minuten beobachtet. Ein Baby betastet, schmeckt, riecht, hört und beguckt seine Umwelt und muss erst lernen, den übertrieben krassen Reizen einen Sinn zu geben. Es kann dabei noch leicht total überwältigt werden. Das merkt man dann abends, wenn es vor lauter Erlebtem nicht mal pennen kann.

Selbstvertrauen bedeutet beim Spielen, keine Angst vorm Experimentieren zu haben. Freude und Lust auf Neues zu entwickeln. Dinge so benutzen zu wollen, wie sie nicht vorgesehen sind und zu wissen, dass man es darf. Spielen ist eine Yes Activity. Nichts sollte verboten sein. Ist jedenfalls meine Meinung. Warum denn auch? Spielen soll der Seele gut tun, Ausprobieren sein, und nicht Vormachen-Nachmachen. Das wäre nicht kreativ und nicht selbständig. Und das Kind hat beim Nachmachen auch kein Vertrauen in sich, sondern in die vormachende Person. Es gibt auch Situationen, in denen das gut und richtig ist, aber im Spiel versuche ich das ehrlich gesagt ziemlich umfassend zu vermeiden, um meinem Kind seinen eigenen Denkweg zu lassen.

Selbständigkeit heißt dann, dass man allein und ohne Feedback oder Eingreifen eine Handlung durchführt. Und zwar, wenn möglich, vollständig. Das Kind setzt sich selbst ein Ziel in seinem Spielen und versucht, dieses zu erreichen. Wenn man eingreift, verhindert man unter Umständen unbewusst das Erreichen dieses Ziels, weil man vielleicht nicht mal versteht, was es ist. Zum Beispiel alle Bauklötze runter zu schmeißen, bis auch der letzte unten ist, im Matsch im Garten.

Tummy Time mit Holzkette - Wie man sein Kind allein spielen lässt

Jedes Kind kann und will allein spielen

Aber die Kleinsten können doch noch nicht allein spielen! denkt man jetzt vielleicht. Doch. Können sie. Selbst ein Neugeborenes kann allein spielen. Es spielt mit seinem Körper. Es fummelt mit seinen Händchen, oder nicht mal das, es öffnet sie nur kurz. Es lernt, die Berührung von Kleidung und Haut anderer und der Berührung der eigenen Hände zu unterscheiden – dabei sind unterschiedliche und unterschiedlich viele Neuronen aktiv – und nichts hiervon sind hohle Gesten! Für ein Baby ist jede Minute eine neue Lernerfahrung.

Trotzdem ist es natürlich so, dass ein Baby Feedback benötigt, und auch fordert. Ein bekanntes Beispiel sind die vmtl. positiveren Auswirkungen von dem caretaker zugewandten Buggys für Babys oder Kleinkinder bzw. negativen Effekte solcher, die es nicht sind. Jeder, der Kinder hat, kann das selbst beobachten. Das Baby sieht etwas Neues, kann keinen Sinn darin erkennen, weiß nicht, ob es sich erschrecken oder der Neugier freien Lauf lassen soll, und schaut instantan zur Mutter oder zum Vater. Holt sich Feedback: Ist diese Katze lieb? Ist das was zu Essen? Ist das gefährlich? Was auch immer da im wohl eher bildhaften Formulierungsarsenal des Babys abgeht. Es bekommt sein Feedback, und dann ist alles richtig hin gerückt und verstehbar.

So ist das beim Spielen auch. Kann ich damit spielen? Darf ich das haben? Und es ist natürlich leichter, zu kapieren, dass die Rassel rasselt, wenn man es schon mal gehört hat. Ich will auch niemandem den Spaß daran nehmen, vor dem Baby albern herum zu springen und mit dem neuen Spielzeug zu klappern. Aber vmtl. ist es schon cooler, wenn es das selbst merkt. Ich selber handhabe es so, dass ich solche Dinge nur einmal zeige, und beim nächsten Spielzeug dann abwarte.

Warten, warten, warten ist eh so ein cooler Grundsatz. Irgendwann, wenn man nicht damit rechnet, macht das Baby schon wieder was Faszinierendes. Ich finde es schöner, nichts zu erzwingen oder ständig herum zu motivieren. Vielleicht auch, weil ich selbst viel zu tun habe. Meine Selbständigkeit und die des Babys ergänzen sich manchmal echt ganz gut. Ich sitze am Rechner und programmiere, sie tobt unter dem Spielbogen und „verhaut die Tiere“, wie wir’s nennen…

Langsam zum allein Spielen

Weil das Feedback so wichtig ist, umso mehr, je enger die Bindung, und das ist nicht uneigenständig, das ist erst mal gut… aber weil es so wichtig ist, sollte man es nicht einfach so wegnehmen. Es ist ganz richtig, bei kleinen Babys beim Spiel dabei zu sein. Man merkt ziemlich intuitiv, wenn das Baby anfängt, allein zu spielen. Es driftet von dem Anschauen der Eltern, dem Warten auf Lächeln und Jubeln zur Beobachtung der Objekte, die man ihm überlassen hat, und vertieft sich ins Spiel. Das können nur Sekunden bis wenige Minuten sein am Anfang. Oder es geht erst mal nur mit Eltern dabei, wenn man das Spielzeug zum Beispiel halten muss. Irgendwann wird man „der Arm mit dem interessanten Ding dran“. Und nach einer ganzen Weile wird man merken: Das Baby hat allein spielen und zusammen spielen unterscheiden gelernt. Und weiter noch, es lernt, mal das eine, mal das andere zu wollen. Man muss deshalb kein schlechtes Gewissen haben.

Wenn das Kind allein spielen will und dann alleine spielt, ist das gut so. Wenn man also nach und nach vom Mitspielen, zum passiven Bestärken zum Sich-herausnehmen aus der Situation übergeht, ist das richtig so. Es geht nur nicht abrupt. Und vermutlich sind da auch alle Kinder total anders. Unseres spielt gerne mit uns und man merkt total schnell, wenn sie jetzt einfach nicht alleine spielen will. Wenn ich an ihr vorbei gehe, obwohl sie gerade total vertieft ist, dann lässt sie sich schon ablenken. Das versuche ich dann zu vermeiden, bis ich merke, sie fängt an, sich zu langweilen. Was ich damit vermeiden möchte, ist das Kind in seinem Flow zu stören.

Flow

Wenn man total in eine Sache vertieft ist und damit gerade richtig gut vorankommt, dann nennt man das Flow. Für Erwachsene definiere ich das gern so: Der Zustand kurz vor der Überforderung, aber gerade so, dass man mit höchster Anstrengung noch alles, was man neu lernt, versteht. Man muss arbeiten, um in der Konzentration zu bleiben, aber geht total in ihr auf.

Für Kinder gibt es das auch. Aber ich kenne es von mir, Freunden, Kollegen eben mehr aus der Arbeit oder Uni. Diese tiefe Konzentration, aus der man bitte nicht gerissen werden möchte. Bei Kindern ist sie einfach noch nicht so tief und fest. Umso wichtiger, dass man sie nicht darin unterbricht, damit sie diese Tiefe lernen können. Ich finde es ehrlich gesagt ziemlich toll, diesen Zustand bei meinem Baby oder bei kleinen Kindern zu beobachten. Dieses Wenn man sie am besten nicht anspricht. Wenn sie etwas Spannendes gefunden haben.

Konzentriertes Knabbern an der Holz-Rassel

Flauschi spielt mit den Dingen, so wie sie will, und nicht, wie Eltern oder Hersteller sich das vielleicht denken…

Wann ist der richtige Zeitpunkt und wo der passende Ort?

Aber wie kommt man da hin? Wann ist der richtige Zeitpunkt, um allein zu spielen? – Platt ausgedrückt: Wenn das Baby aufnahmefähig ist. = Entspannt, satt, nicht müde und in der richtigen Umgebung. Ich versuche beispielsweise bestimmte Orte (Stationen) für mein Baby im Wohnzimmer konstant zu halten. (Wir haben kein Kinderzimmer, deswegen kriegt das Baby eigene Plätze überall in unserer 2ZKB-Luxusbude.) Dabei trenne ich auch verschiedene Aktionen. Nicht alles wird überall gespielt. Und im Bett wird gar nicht gespielt. Mein Baby weiß, wenn es abends ins Bad auf die Wickelmatte geht, dann wird das Wuscheltuch rausgeholt. Oder dass der Spielbogen immer auf dem Wohnzimmerteppich benutzt wird. Und im Babybett wird möglichst gar nicht gespielt. Schlafen soll Loslassen vom Er-Leben sein und Mit-sich-sein, allein-sein, ohne Objekte. Deshalb trenne ich das relativ streng. Aber überall sonst in der Wohnung gibt es bestimmte Plätze, die – und das ist eher intuitiv so entstanden, weil es meist praktisch war – für bestimmte Spiele da sind. An denen wir immer wieder den gleichen Quatsch machen.

Babys lieben diese Art von Sicherheit und Routine. Und sie lieben Kommunikation. Ich kann meinem Baby mit Gesten und Stimme (mit Sprache auch, aber oft merkt sie das andere viel schneller!) andeuten, was ich als nächstes tue: Es hochheben, ein bestimmtes Spielzeug holen usw. Dann weiß es, was als nächstes kommt. Wenn das funktioniert, weil gerade Entspannung und Aufnahmefähigkeit gegeben sind, dann ist das wirklich super. Das Kind bekommt seine Erwartung bestätigt und das ist für es schon Freude. Was für uns vielleicht wie unnötiges Gequatsche und ständige Wiederholung wirkt, ist für ein Baby der größte Hit.

Also noch mal: Das Baby sollte satt, entspannt und nicht müde sein, um zu spielen. Klar kann man ein aufgekratztes Baby mal mit einer Rassel aus seiner Stimmung reißen, aber selten hält das lange an, und das Baby erinnert sich an sein eigentliches Problem und wird wieder fuzzy. Wenn man aber im richtigen Moment das Spiel anbietet, dann kann es sich länger darauf einlassen, und gelangt von allein in den Flow.

Mein Rezept für selbständiges Spielen bei Babys

Es gibt kein Rezept! habe ich zu oft gehört, wenn es um Kinder geht. Dieser Satz langweilt mich. Ich finde, es gibt Rezepte. Blödes Wort. Konzepte? Naja. Sicher ist der Schlüssel, sein Kind zu beobachten und zu verstehen. Also.

  • Am Anfang: Sich selbst beim Spiel ein bissschen zurück nehmen.
  • Statt in die Hand drücken: Greifen und selbst nehmen lassen
  • Statt Vormachen: Erkunden lassen. Vielleicht einmal vor machen. Nicht sofort insistieren und weitermachen, wenn das Kind nicht versteht, was man will. Das Selbstentdecken macht viel größere Augen als das Imitieren.
  • Dinge in der Nähe des Babys liegen lassen (geht v.a. gut, sobald es sich auf die Seite drehen und nach etwas strecken kann). Es sollten leicht greifbare Dinge wie Läppchen oder Tücher sein, die dann angefressen werden können. Anfressen von Zeug ist immer gut!
  • Dem Baby Spielzeuge überlassen, die nicht so leicht verloren werden können. zB. Schnuffeltuch, Knistertuch, leichte Plüschtiere oder breitere Gegenstände. Später auch Greiflinge, sie müssen zur Handgröße passen und sollten irgendwelche lutschbaren Teile haen, sonst sind sie gleich wieder weg oder eher frustrierend.
  • Spielbogen: Ab 2 Monaten ist ein Spielbogen zum Wundern gut. Ab 3 Monaten etwa zum Greifen üben und besinnungslosen Dagegenhauen. Irgendwann um die 4 Monate hat zumindest unser Baby angefangen, den Spielbogen mit höchster Aggression anzugehen, weil es merkte, dass die Sachen fest und nicht abrupfbar waren. Dann wird’s Zeit, sich was Neues auszudenken.
  • Tummy Time einlegen. Jeden Tag, von Geburt an, kann man sein Baby auf den Bauch legen und schauen, wie es sich bemüht, sich aufzurichten. Irgendwann kommt der Moment, in dem es sich dreht, und dann auch bald die Zeit, in der es selbst aus der Bauchlage heraus Dinge greifen oder auch erst mal ansabbern kann. Auch das ist Eigenständigkeit und darf geübt werden.
  • Wenn das Baby nicht gleich reagiert (auf Ansprache, Vorbeigehen oder wenn man sich aktiv in sein Blickfeld „einmischt“), dann ist das ein guter Indikator dafür, dass es grad in Gedanken bzw. im Flow ist. Konzentriert jedenfalls. Einfach nicht weiter drauf einquatschen, auch nicht, wenn es angestrengt quäkt, sondern erst mal machen lassen.
  • Zeitlich gesehen: Anfangs bleibt man dabei, wird dann immer passiver. Von Ermutigungen und Lob geht man zu Zuschauen und Lächeln über. Natürlich lobt man sein Baby, wenn es was Cooles macht. Das ist nicht gemeint. Aber wenn man zum selbständigen Spielen ermutigen will, muss man sich irgendwann mal zeitweise zurückhalten ohne ständig selbst vor Freude zu kreischen. Beides hat irgendwie seine Zeiten, und man merkt das dann auch. Je älter das Baby wird, desto mehr fordert es von allein die Zeit für sich ein, indem es mal still wird, oder vor sich hin kreischt und brabbelt, ohne dass man selbst etwas tun muss, um es hierzu noch anzustacheln. Dann ist es in sich.

Man sollte das allein Spielen nicht als Konkurrenz oder Ersatz des zusammen Spielens sehen. Das ist es nicht. Es ist nur ein anderer Aspekt von Konzentration und Lernen. Es geht nicht darum, dass man in Ruhe was Anderes machen kann, und selbst wenn, ist das nichts Schlimmes. Eigenständiges Spielen tut Kindern gut, es macht nicht mehr oder weniger Spaß als mit anderen Kindern oder den Eltern zu spielen. Es macht anders Spaß.

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