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Vom Handtäschchen zur WICKELTASCHE

by Undine Almani

Emanzipation vom Schwachsinn im ganz Kleinen

Dieser Artikel wird ein Loblied auf die Einfachheit im mütterlichen Alltag und ein Plädoyer für multi purpose items. Dinge, die nicht nur einem einzigen Zweck dienen (meistens nicht mal gut) und ansonsten entweder zu groß, zu komisch, zu übertrieben, merkwürdigly out of place oder einfach nur hässlich erscheinen. Wie zum Beispiel: Wickeltaschen. Hassen wir sie nicht alle? Und wenn nicht, sollten wir es nicht tun?

Das W-Wort wird im Folgenden nur noch als „das Monster“ bezeichnet werden. Ich finde den Ausdruck einfach zu lächerlich. Als ich es das erste Mal gelesen hatte, dachte ich, es handele sich um ein Nischenprodukt, einen Tchibo-Artikel, etwas, das nur ganz verzweifelte, wahlweise konsumgeile Menschen haben müssten. Aber weit gefehlt. Fast jede Mutter, die ich bis heute traf, hielt die Anschaffung eines Monsters für zwingend nötig. Warum eigentlich? Nun ja. Eine kurze Einleitung für die von uns, die weder Kind, noch Kindes Kegel mit sich schleppen, wohin sie auch immer gehen: Mütter (f, deutsch, Plural – von Mutter, die) sind Menschen, welche häufig Kinder dabei haben. Wenn man Kinder dabei hat, brauchen diese Windeln, Windeln, nochmals Windeln, Tüten, um die vollgeschissenen Windeln zu verstauen, eine Wickelunterlage, um sie dran zu machen, Unmengen Feuchttücher, um den Arsch zu wischen… (Wir reden jetzt vom Normalfall, nicht vom Zerowaste-Jahrhundertvorbild, okay?)… Wechselklamotten, falls die Windel verfehlt wurde oder während des Anlegens als sinnvolle Dünschissauffangeinrichtung „ignoriert“. Und nicht zuletzt Fläschchen, irgendwelche Tücher, je nach Jahreszeit evtl. eine wärmende Decke, Mütze und so fort, Spielzeug, falls das Prinzesschen Laune kriegt. Und noch viele andere Dinge. – Ja, bestimmt habe ich etwas, das einem anderen Menschen total essentiell erscheint, vergessen. Schnullertasche?? – Hm,… sowas gibt es. Erinnert ihr euch an die nuller Jahre? Da hatte ich eine Handytasche immer dabei. Mit Platz für meinen mp3-Player. Manche Dinge erscheinen einem erst unpraktisch, wenn man ihre Schwachsinnigkeit live erlebt hat. So ist das Leben.

Jedenfalls ist eine Wickeltasche eine Art Windelaufbewahrungsmöglichkeit on steroids. Zu viel von allem, was es sein könnte. Mit Fächern für jeden Scheiß (und jeden Scheiß). Bei voller Auslastung muss sie mindestens 10 kg wiegen. Man darf auf gar keinen Fall in der Lage sein, irgendetwas schnell darin zu finden, auch wenn der Babyfachgeschäft-Mitarbeiter genau diese Eigenschaft als unique selling point eloquentststst bewirbt. Und sie darf einer normalen Frauenhandtasche in nichts ähnlich sein. Eher so ein… wie nennt man diese überflüssigen Dinger, die gut situierte ältere Damen mit auf Reisen nehmen? Beauty Case. Genau. Und das Wichtigste: Ohne sich einen Leistenbruch zu heben, darf man sie nur am Kinderwagen transportieren können, ansonsten ist das Ganze witzlos.

Versteht ihr, warum ich meine Zweifel hatte?

Ich gebe zu, ich habe mir ganz kurz eine Wickeltasche gekauft, sie einen Tag lang kritisch angeschaut, meinem Mann vorgeführt, all meinen Babykram hineingetan, wieder raus getan, und sie zurückgeschickt. Meiner Liebe für die Toleranz halber möchte ich hier kurz die Triggerwarnung nachlegen: Jaja, es mag sein, dass es Frauen gibt, für die diese vollkommen dämlichen Teile das absolute Non-plus-ultra darstellen. Für mich aber nicht, okay? Werdet glücklich mit euren Pferdetaschen. Ich will jetzt lästern.

Am klassischen Monster stören mich so viele Sachen. Der Preis, das Design, die Pseudopraktikabilität, und vor allem die Einseitigkeit. Die meisten Monster sind überteuert, sehen aber nicht so aus. Da hast du das Baby endlich raus gedrückt und kannst mit etwas Glück und Disziplin nach ein paar Wochen wieder einigermaßen hübsche Klamöttchen anziehen, und dann fesselst du dich an so ein Scheusal samt Kinderwagen? Why? (Kinderwagen ist noch mal eine andere Sache, warum ich den ebenfalls mehr als erfolgreich verschmäht habe, berichte ich liebend gern.)

Verkauft wird das klassische Monster jedenfalls v.a. unter dem Vorwand der Praktikabilität. Täschchen und Flaschenhalter und eine Menge nutzloser flacher Fächer für die drei iPads, das Handy, welches nur unwesentlich kleiner ist, und den „Mom Planner“, den man ja immer dabei hat. Vielleicht komme ich einfach nicht darauf klar, weil ich nicht zur Zielgruppe für diese Dinger zähle? Würde ich jetzt nicht zwangsläufig als Beleidigung empfinden…

In diesem Moment kommt mein Mann zur Tür rein, das Baby schlafend in der Rückentrage, mit diesem stolzen „Schau mal, es schläft auf mir!“-Blick, und lässt sich den kompletten Schrieb bis hier hin von mir vorlesen (ja, freiwillig).

„Und, was meinst du? Zu hart?“ frage ich.

Und er:  „Hm, mir fehlt irgendwie der Aspekt, dass auch Männer wickeln. – Warum gibt es keine Wickeltaschen für Männer?“

„Weil Männer Rucksäcke haben?“

Männer?

Mein Mann bringt ein gutes Argument an. Warum können Männer eigentlich ohne Wickeltasche und so viele Frauen nicht? Vermutlich ist ein Grund, dass mehr Frauen mit Kind und Kinderwagen unterwegs sind, dabei andere Frauen mit stylischen Wickelmonstern sehen, und keinen Bock haben, irgendetwas in der Hand oder auf dem Rücken zu tragen. Das ist auch zum Teil echt lästig, denn als frischgebackene und im eigenen Saft gut durch gegarte Mutter ist man v.a. eins: Schlapp, müde, nicht kompromissbereit und ständig im Sack. Ich war’s jedenfalls und die anekdotische Evidenz meiner Frauenbekanntschaften hat bisher alles getan, nur nicht dieses Klischee widerlegt.

Männer sind nach der Schwangerschaft ja bekanntlich genauso fit wie vorher, vielleicht etwas fetter. Sie können aber immer noch genauso gut Einkäufe schleppen. Eine frische Mutter kann (und sollte) das unter Umständen nicht. Im frühen Wochenbett (den ersten zwei Wochen) sollte sie es vermeiden, Zeugs zu heben. Sie sollte vor allem rumliegen. Aber auch danach ist Wöchnerinsein noch anstrengend, und es dauert Wochen bis Monate für viele, bis sich der Körper erholt hat. Und erholt heißt nicht gleich gekräftigt. In meinem Fall hatten sich meine geraden Bauchmuskeln, vormals „The Sexy Six“ nach links und rechts vom Bauchnabel verabschiedet. Ich konnte sie nicht mehr verwenden und musste erst mal brav auf den Rückbildungskurs warten, um das wortwörtlich wieder gerade zu biegen. Der Wunsch nach Entlastung ist also schon verständlich. Ich möchte das nicht leugnen. Aber dies ist ein Rant, also weiter im Text!

Dass für viele der Kinderwagen vom einfachen Transportmittel innerhalb einer Woche zu einer Art Baby-Ersatzteillager verkommt, ist jedenfalls allgemein akzeptiert. Dieses Schlachtfeld der stilistischen Kapitulation wird vor sich und anderen entweder gar nicht erst oder aber als Form maximaler Bequemlichkeit verteidigt. Und praktisch. Ja, natürlich. Alles, was scheiße aussieht und schlampig as fuck, ist natürlich praktisch.

Das Monster ist nicht viel mehr als eine Erweiterung dieses Haufens. Und ich mag Haufen nicht. Ich war ja selber schlampig bis ich 18 war, und habe alles in Haufen organisiert. Dann hatte ich plötzlich und einmalig einen großen Aufräumanfall. Danach war ich für immer ordentlich. Seitdem gehen Haufen für mich einfach nicht mehr, auch nicht im Schatten des Babys.

Praktische und schöne Alterntaiven zur Wickeltasche

Ich hatte mir deshalb geschworen, weder einen Kinderwagen, noch eine Wickeltasche anzuschaffen. Bevor das Baby da war, habe ich ohnehin von vielen Käufen abgesehen, da ich für diese einzigartige neue Situation nicht in Abwesenheit jedes praktischen Feedbacks eine mit hoher Wahrscheinlichkeit falsche Bedarfsprognose abgeben wollte.

Das war im Nachhinein eine ziemlich gute Entscheidung, denn als das Baby da war, habe ich sehr schnell gemerkt, was ich brauche, und mit diesen Ideen im Kopf danach zu suchen, war viel einfacher. Es vermeidet Fehlkäufe. Und während diese den klassischen Homeshopper vielleicht nicht weiter stören, finde ich sie aus Gründen der Nachhaltigkeit und Unlust, Retouren zur Post zu bringen, doch nicht ganz irrelevant. Ich bin und bleibe irgendwo Öko und Minimalistin – Einfachheit und echte Praktikabilität sind mir wichtig. Und ich möchte mich auch nicht mit hässlichem single-purpose-Schrott umgeben.

Ich suchte deshalb nach etwas, das eine Mischung aus Rucksack und Einkaufstasche war. Dabei habe ich auch tatsächlich, wie erwähnt, eine Wickeltasche bestellt, wurde dann aber leider in meinen Bedenken nur bestätigt: Das Teil sah nur im Produktvideo gut aus, war schwer, riesig und blöd auf allen Ebenen produktdesignerischen Anspruchs. Ich schwor sodann, im minimalistischen Glauben gestärkt, allen Wickeltaschenversuchungen ab.

„Wickeltasche“ für Minimalisten

Meine Dogmatik erlaubte mir also nur etwas, das für länger als anderthalb Jahre praktisch sein würde. Irgendwann hören Babys ja auf, sich zu bepissen und dann muss das Monster wieder verkauft, oder schlimmer, falls man ein zweites Gör plant, im Keller archiviert werden. Der Albtraum des Minimalisten: ein voller Keller! (Und böse Zungen zischen: Wahre Öko-Minimalisten fangen erst gar nicht mit dem Kinderkriegen an! In Anbetracht der Abscheulichkeit sämtlicher kommerzieller Kinderdinge und des Carbon Footprints eines Babys wäre das wirklich eine Option gewesen, aber Babys sind eben sehr süß und totally worth it! Also leck mein Geschwätz von gestern.)

Es musste also ein Rucksack sein. Allein, er sollte über Henkel verfügen. Gerade am Anfang tat mir nämlich ständig irgendwas weh. Meistens Baby vorne in der Bauchtrage, Rückenschmerzen hinten. Und der Schlüssel zu weniger Schmerzen sind ja bekanntlich häufige, nervöse Positionswechsel in die verschiedenen, noch erträglichen Schonhaltungen. Mein Provisorium einer Wickeltasche war zu der Zeit eine abgeranzte Umhängetasche meiner Mutter, deren rostige Griffe mir schon drei verschwitzte T-Shirts versaut hatten, und die ich endlich an irgendeinen dummen Internet-Aasgeier verhökern wollte. Zuvor musste aber eine Alternative besorgt werden.

Je mehr ich googlete, um eine Tasche zu finden, die all meinen emotionalen und spinalen Bedürfnissen gerecht würde, desto öfter wurde mir dabei vom allwissenden Konsumalgorithmus dieser unaussprechliche Hipsterrucksack, dessen Namen an ein Ungeziefer erinnert, vorgeschlagen. Der Fjällräven Kånken.

Ich wollte es nicht wahr haben. Ich meine, dieses Teil ist ja nun wirklich das H&M-Shirt unter den Rucksäcken. Jeder drittklassige Instagram-Loser hat so einen. Und die Winner erst recht. Wollte ich das etwa? Naja… da ich keine große Popularität auf Instagram genoss, musste ich wohl keine extreme Mainstream-Versager-Vorwurfspresse befürchten. Warum also nicht in den sauren Mitläuferapfel beißen, wenn es so viel praktischer wäre?

Machen wir’s kurz, ich habe mir sogar zwei gekauft. In Hipstergelb und Hipsterdunkelgrau. Den Gnadenstoß gab meinem Rückgrat eine Reise nach Nürnberg. Ich schleppte meine rostige Sacktasche zum ersten Mal länger als vier Kilometer und es reichte mir sehr sehr schnell. Ich fand nichts mehr in dem Ding, die Volumenausnutzung war suboptimal und einseitig geschulterte schwere Objekte waren auch in Zeiten bester Gesundheit noch nie meins gewesen. So besonn ich mich also meiner Rucksackaffinität und legte die Nonkonformistenuniform im Untergeschoss eines lokalen Kaufhauses unauffällig beiseite.

Ich mache ungern Werbung und ich reihe mich ungerner noch in den Einheitschor zufriedener Kånken-Opfer ein, aber ich muss es diesem Ding einfach lassen: Es ist genial. Und es sieht gar nicht so scheiße aus. Mein größtes Problem waren nämlich diese lächerlichen Henkel. Aber die sind nun wirklich das, war ich am wenigsten gedacht hätte: verdammt praktisch. Und ich nutze sie so exzessiv, wie man ein paar Henkel überhaupt nur nutzen kann. Ich liebe diesen blöden Rucksack. Und obwohl er aussieht, als wäre er so rückenschonend wie ein Ledertornister aus der Vorkriegszeit, ist er im Vergleich zu allen Provisorien und Probe getragenen Wickeltaschen ein Sinnbild des Komforts. Und das Beste: Es ist nur ein Rucksack! Er wird nach Ablauf der Selbstbepissungsphase nicht automatisch zu einem obsoletem Baby-Item. Ich muss mich nicht sechs Monate an sein insuffizientes Produktdesign gewöhnen, um nach circa einem Jahr irgendeinen neuen Nutzen für ihn zu suchen und nicht zu finden. Ja, ich hab diesen Kånken jetzt auch. Und ich bin happy damit.

Es gibt eben Leute, die viel Wert auf die Gegenstände in ihrem Blickfeld legen und welche, die entspannt sind. Ich bin unentspannt, ich will schönes Zeug. Wem es auch so geht, der wird mich vielleicht ein bisschen verstehen. Wie es ist, ein Produkt für sich selbst gefunden zu haben, das genau passt und kein fauler Kompromiss ist. Wenn man sich nicht insgeheim über das ausgegebene Geld ärgern und sich das Trumm irgendwie schön-reden muss.

Aus der Perspektive des Minimalisten halte den kompletten Markt für Wickeltaschen für ein selbst gemachtes Problem mit eingebauter Lösung. Man redet Frauen ein vollkommen bescheuertes Problem ein, macht ein Bedürfnis daraus und erfindet ein Produkt, welches dieses Pseudobedürfnis dann befriedigt. Darauf kann man natürlich reinfallen, pardon, das kann man natürlich für sich entdecken. – Oder man kauft eben gleich irgendeinen Rucksack, der einem gefällt.

Was alles in den Kanken als Wickeltasche geht
Geht halt auch mal echt viel rein in das Ding…

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