Home Retrospektiven Chronik einer Krise: Bilder der Ausgangssperre

Chronik einer Krise: Bilder der Ausgangssperre

by Undine Almani

Eine Art Corona-Tagebuch.

Oder ein persönlicher Rückblick in Bildern mit ein paar Worten dazu. Ich versuche unsere Zeit zusammenzufassen. Natürlich versuche ich nicht, mich kurz zu fassen. Mir ist ehrlich gesagt mittlerweile völlig egal, was fremde Menschen von mir denken. Mir ist also auch egal, ob dir dieser Text zu lang oder diese Fotos nicht schön genug sind. Lies ihn, oder auch nicht. Es ist deine Zeit. Ich wollte diese Gedanken loswerden. Und ich wollte ein paar Gedanken teilen mit Menschen, die in der Corona-Krise auch entweder kurz vorm Abklappen oder aber vorm Ausrasten waren bzw. sind. I feel you.

Ein letzter Besuch auf Arbeit und im Lieblingsladen

Anfang März, noch drei Wochen bis zum Lockdown. Mein letzter Arbeitstag vor dem Home Office. Ich hole mir ein Croissant im Stoffbeutel. 2020 nichts Besonderes. Seit 10 Jahren nutze ich keine Wegwerfbeutel mehr, wenn möglich. Dass der Hygienewahn jetzt bald wieder so weit gehen wird, dass fast alle zero waste-Errungenschaften der letzten Jahre zunichte gemacht sein werden, ahne ich nicht. – Auf dem Heimweg durch die Pasing Arcaden (ein größeres Einkaufscenter mit den üblichen Mainstreamgeschäften) besuche ich den einzigen Laden in dieser dröhnenden, anstrengenden Glaswüste, den ich ganz gerne mag – Nature et Decouvertes. Eine Insel für zero waste-Freunde und Träumer. Auch eine Kette, aber irgendwie sympathisch. Ich kenne den Laden aus Frankreich. Man bekommt hier viele kleine Dinge. Geschenke, Bücher, Spielzeug, Reisesachen, Yoga-Bedarf und auch zero waste-Zubehör. Es riecht nach Duftöl und Tee.

Die Kitas und Köpfe werden dicht gemacht

16. März. 7 Tage vor dem Lockdown. Die Kitas sind zu. Wir müssen improvisieren. Ich bin krank und zu Hause. Mein Mann im Home Office. Irgendwie geht es schon. Wir haben ja unsere Wochenendroutine. sagen wir uns. Vielleicht ist in zwei oder drei Wochen alles wieder vorbei. Diesen Quatsch wird ja keiner lange mitmachen. Schon gar nicht die Eltern…

Wetten auf Klopapier-Aktien?

13. März. 10 Tage vor dem Lockdown. dm hängt Zettel auf, auf denen die Solidaritätsmaxima, äh, Rationen von Seife und anderem Zeug, für Haushalte angegeben werden. Wer mehr als 3 Seifen braucht, muss dann halt noch zu Müller. Tatsächlich wollte ich an diesem Tag einen ganzen Schwung Seifen kaufen. Das mache ich eigentlich immer so. Alle paar Monate Naturseife hamstern. Okay, heute dann halt nicht. – Die zwei fingernagelgroßen Sternchen-Seifen für mein Kind zählen zum Glück nicht in die Notstandsbilanz, allerdings kann man sich da in Bayern ja nie ganz sicher sein…

Auch komisch, dass Zink und Vitamin C (Immunsystem und so) komischerweise nicht gebunkert wird (Update: 2 Tage später auch leer). Das Klopapier hingegen ist jetzt auch überall fast weg. Wenn nicht heute, dann werden morgen die letzten Covidioten auf Hamsterkauf gehen. – Ich triumphiere inzwischen fast ein bisschen ob der Tatsache, dass wir uns den Arsch auch so einfach waschen. Ansonsten machen wir uns noch ganz unbeschwert über den bevorstehenden Einbruch in der Papierindustrie lustig. Könnte für ein paar gute Hebelgeschäfte taugen, wenn die Scheiße-Blase peri-pandemisch platzt, und alle merken, dass man einen 6-Monate-Vorrat Klorollen in 6 Monaten aufbraucht, und nicht in vier Wochen… (Update: hat getaugt.)

Hygienewahn

Auf die Idee, Desinfektionsmittel zu kaufen, bin ich gar nicht erst gekommen. Haben wir aber sowieso zu Hause. Alte Klinikmenschen-Angewohnheiten sterben nicht so schnell. Hat mich auch schon vor dem ein oder anderen Männerschnupfen und Männerdurchfall bewahrt. Allerdings ist es schon faszinierend, wie dumm Menschen in so einer Krise werden können. In Anbetracht des unmittelbaren Todes ist ein Liter Isopropanol auf einmal 89€ wert. Bis Amazon sich aller Wucherpreise angenommen hat, dauert es auch ein paar Wochen, und ich würde mal ganz ungewagt davon ausgehen, dass man in der Zwischenzeit nicht gerade unter der Desinflation gelitten hat…

Ich hasse Kochen.

Mit den Kita-Schließungen Mitte März endet für uns auch das bequeme Kantinen-Essen. Ich glaube, Kochen ist in der ganzen Zeit wirklich die zweitgrößte Scheiße gleich nach der fehlenden Kinderbetreuung und dem fehlenden Einkommen. Ich bin keine Kindergärtnerin. Und ich bin auch keine Köchin. Weniger noch. Ich hasse Kochen fast schon. – Wenn ich das dann mal laut sage, kommt oft als Reaktion irgendwas wie Das ging mir früher auch so. oder Das ist Einstellungssache. Jedenfalls etwas, das die Erwartung in sich trägt, dass doch jeder kulturell interessierte Mensch auch die Kultur des Kochens in die Arme schließen müsse, weil das irgendwas mit gutem Essen zu tun hätte. Hm, ja, nein, sorry, fuck that.

Ich mag kochen nicht und ich werde es auch nie mögen. Ich habe, glaub es oder lass es, die letzten 20 Jahre versucht, mir das Kochen beizubringen und es mögen zu lernen. Ich kann jetzt kochen, und ich mag es immer noch nicht. Es langweilt mich grundsätzlich einfach einmal zum Mond und zurück, das gleiche Gericht zweimal kochen zu müssen. Das ist wie Mathe. Wenn man den Lösungsweg einmal verstanden hat, sind alle weiteren Übungen öde. Nur bei Mathe stinkt man nicht nach Bratfett, wenn man fertig ist. Man muss nicht 1h vor einer Pfanne stehen und warten. Und ja, ich kann auch Pommes und anderes prätentiöses Mittelständler-Backofenangeberzeug. Spaß ist trotzdem was anderes, und ich bewundere da durchaus Leute, die diese ganze Haus-Kocherei einer Arbeit vorziehen, bei der sie anständiges Essen von einem richtigen Koch vorgesetzt bekommen (zugegeben, meine Betriebskantine war ziemlich geil) oder sich to go irgendwelches fast good leisten können. Ich schiebe das nur als kleinen Riegel vor, weil ich tatsächlich jedes verdammte einzelne Mal eines vermeintlich Besseren belehrt werde, sobald ich kundgebe, dass »nicht gerne kochen« für mich eine abgeschlossene Sache ist.

Allerdings war nicht kochen in der ganzen Corona-Chose auch keine echte Option. Irgendwann kriegt man neben dem Lagerkoller auch noch den Woyzeck’schen Erbsenkoller – in unserem Fall auf Brot. Aber auch die zweite Pizza schmeckt nie so gut wie die erste, schon gar nicht in ein und derselben Woche. Ich koche nun also täglich (nicht weil ich eine Frau bin, und mein Mann keine Lust darauf hätte oder so, sondern weil ich schneller koche als mein Mann und die Küche danach weniger eingesaut ist – im Gegensatz zu mir kocht er nämlich gern, vielleicht sogar ein bisschen zu gern).

Ich versuche auch ehrlich, es irgendwie sportlich zu nehmen. Aber wenn man den geistig gesunden Anspruch hat, das, was man seinem Kind füttert, sollte wenigstens einigermaßen frisch und bio sein, muss man schon auch etwas Hirnschmalz investieren. Das Koch-Game ist für mich also ein ziemliches Experiment, bei dem ich von meinen gewohnten, mir genügenden schnellen guten Einfachheiten abweichen muss auf familiengerechte Pfannengerichte. Das Kind springt dabei meistens auch durch die Küche und will »mit Wasser spielen«, was nie, wirklich nie etwas Gutes heißen kann… Nach drei Wochen allerdings stellen sich erste Lerneffekte ein. Ich kann nun mehrere Currys, Suppen und Ofengerichte, habe etwas namens Crumble gemacht und herausgefunden, wie man Porridge so zubereitet, dass es nicht nach sprasamem Mienenarbeiterfrühstück schmeckt. – Ich glaube, ich bin ganz zufrieden, auch wenn ich nicht wirklich sehe, was es mir vor dem Rentenalter bringen soll, auf einem wochentagstauglichem Niveau von Vielfalt kochen zu können.

Plastikfrei – am Arsch.

Der März geht zu Ende. Die anhaltenden Einschränkungen, die Kita-Schließung, Vollzeit-Arbeit im Home-Office und die fehlende gute Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden machen mich mehr und mehr wütend. Auch trotzig… Wenn ich sehe, wie zero waste-Angebote verschwinden – ohne jegliche wissenschaftlich haltbare Begründung. Panik siegt. Plastik fliegt. Ins Meer.

Menschen desinfizieren alles und jedes, und arbeiten fleißig an der unnötigen Zerstörung des Säureschutzmantels ihrer dünnen, kritikunfähigen Haut. In westlicher Einfallslosigkeit adaptiert man kollektiv die in den Alltag fehlprojizierte Krankenhausidee von Wegwerfartikeln. Corona breitet sich trotzdem aus, oder auch nicht – und wenn, dann sicher nicht deshalb, weil Leute wieder Kaffee aus Plastikbechern saufen, die einmal um die Welt fliegen müssen, damit sie eine Viertelstunde benutzt und anschließend falsch entsorgt werden…

Einwegmüll rettet vermutlich noch weniger Leben als geschlossene Kitas. Aber mit Logik, das lerne ich langsam, braucht man politisch gefestigten Corona-Justice-Warrors (CJWs) nicht zu kommen. Die Einschränkungen bleiben, »Damit Bayern Bayern bleibt!« und die Kirche im Dorf. Auch die freiwilligen, möglichen Diskussionen oder eingebildeten Anzeigen in nach unten unlimitiertem Kadavergehorsam vorauseilenden und weitgehend selbst erfundenen Reglements, die jeder Laden in Kleinstaaterei für sich postuliert, halten sich hartnäckig.

Ich habe schöne Gespräche in diesen Tagen, zB. mit ein paar freundlichen Biomarkt-Verkäufern, die dem Ganzen als zero waste-Pioniere mit dem gleichen Frust wie ich begegnen. Sie sehen auch, wie jetzt dieses ganze dumme Hygiene-Spiel von vorne anfängt. Doch wenn Auflagen von oben kommen, sind auch sie machtlos. – Ich bemale mir dieser Tage eine Tasche, die sagt, was ich danke. Steckt euch euer Plastik einfach in den Arsch. Steckt euch eure Panikmache gleich hinterher.

26. März. 3 Tage Lockdown und 10 Tage Kita-Schließung mit Home Office. Das mit dem Kochen wird langsam anstrengend. Vor allem, weil wir keine Zeit zum Einkaufen frischer Sachen haben. Die will ich aber. Wir bestellen uns also eine plastikfreie Bio-Kiste, um uns ein paar Einkäufe zu sparen. Entgegen meiner geringen Erwartungen, ist es tatsächlich ziemlich angenehm so. Auch wenn oder weil man oft vor das Problem gestellt ist, zu improvisieren. Mir als Routine-verliebtem Einsiedler-Typen liegt das weniger. Aber das mit der Kiste ist trotzdem irgendwie cool. Es zwingt zum Nachdenken, und das ist fast immer etwas Gutes. Flauschi gefällt die Kiste auch, und ich lasse sie immer mit auspacken.

Spielplätze sind nicht systemrelevant.

28. März. 12 Tage ohne andere Kinder. Wie abrupt diese Politik war, wird einem irgendwie erst langsam klar. Für uns ist das um diese Zeit. Diese Drastik. Von einem Tag auf den anderen mal eben die Kinderkrippen zu zu machen. Ohne jeden Plan. Weil man kann. Auch für alleinerziehende und kranke Eltern. Dazu die sinnlos geschlossenen Spielplätze.

Sie wären die letzte Zuflucht vor der Enge unserer Wohnung gewesen, die nun eine ungesunde Mischung aus Lebensraum und Arbeitsplatz geworden ist, und damit auf eine neue, seltsame Art mit Stress und Müdigkeit assoziiert. Wir wohnen in der Stadt. Wald ist nicht. Oft ist es auch zu kalt dafür. Und an jedem Spielplatz, den man auf dem Weg zu einem Park passiert, gibt es einen apokalyptischen Schreikrampf. – Verständlich.

Wir sind mehr drinnen als je zuvor. Die ersten Stunden des Tages verbringen wir, entgegen der normalen Routine meines Kindes, jetzt komplett zu Hause, weil wir beide in dieser Zeit arbeiten müssen. Meistens habe ich Flauschi dann bei mir. Ich baue ihr aus Stühlen, Bänkchen, einem Hocker einen Klettegerüstersatz.

Mit ihren längst nicht mehr neuen Puzzles und Spielen ist Flauschi allerdings bald durch. Sie ist es auch nicht gewöhnt, allein zu spielen. Hat ja sonst immer Kinder um sich. Nachvollziehbarerweise möchte sie nicht, dass ich am PC sitze, wenn sie da ist, sondern, dass ich mitspiele. Das kann ich ihr auch nicht innerhalb einer Woche abgewöhnen.

Oft sitzt sie also mit mir am Schreibtisch und malt oder spielt. Ich bestelle noch einen ganzen Schwung Spielzeug online, in der Hoffnung sie von unserer fehlenden Aufmerksamkeit ablenken zu können. Wir haben zu Hause kaum Spielsachen, denn sie hat ja viel mehr Möglichkeiten in der Kita. Meine Philosophie ist es deshalb nicht, mir redundanter Weise noch zu Hause die Bude mit kleinen bunten Kinder-Items vollzumüllen. Mein Zimmer, in dem ich arbeite, Yoga mache, schlafe, ist eine spielzeugfreie Zone.

Vielleicht klingt das etwas merkwürdig, aber es ist ehrlich gesagt ein ziemlich tolles Konzept. In meinem Zimmer habe ich meine Ruhe, es ist mein Raum. Und das gleiche gilt für mein Kind und sein Kinderzimmer. Das diese Trennung gut tut, kann man ziemlich leicht an sich selbst überprüfen, zB. indem man Schlaf- und Arbeitsbereicht mehr trennt. Das ist ziemlich common sense, aber in seiner Wirkung trotzdem unterschätzt. – Ich achte auf solche Dinge, weil ich weiß, dass sie uns gut tun. Jetzt aber ist alles durcheinander. Das schlägt sich auch im Aussehen unserer Wohnung nieder. Und auf unsere Laune.

Montag Morgen, Weg zum Büro

30. März. Ich muss noch mal ein paar Tage ins Büro. Mein Mann darf sich in dieser Zeit freinehmen. Wieder ein bisschen weniger von dem wenigen Urlaub. Letztes Jahr mussten wir – ganz ohne Corona – schon zwei Tage unbezahlten Urlaub nehmen. Einfach nur, um die Fehltage, die man so schon hat, weil Kinder oft krank sind, überbrücken zu können. Ganz zu schweigen von den, aus welchen Gründen auch immer, in den Ferien schließenden Kinderkrippen. Nichts für ungut, aber wenn irgendwas unabhängig von Ferien sein sollte, dann doch wohl Einrichtungen für nicht-schulpflichtige Kinder. Dass man schon vor der Schule in diesen Rhythmus der Akzeptanz sozialer Fremdbestimmtheit gepresst wird, ist für mich eine der erbärmlichsten bürokratischen Konventionen für Eltern überhaupt. Firmen machen keine Sommerferien. Und in Anbetracht der beängstigenden Privatisierungswelle im sozialen Bereich ist dieser Vergleich mehr als legitim…

Ich ertappe mich immer wieder bei solchen Überlegungen. Und so ist auch der Weg zur Arbeit an diesen Tagen, an denen kein Home Office mögilch ist, wieder ein kleiner Kampf mit der Wut. Ich war seit Beginn der Kita-Schließung nur einmal am Bahnhof. Da hatte noch alles auf. Der Brezen-Shop hat nun zu, sehe ich. Nicht dass ich eine will, aber was genau ist an Brezen nicht systemrelevant? Sind wir jetzt in Bayern oder nicht?. Der Bücherladen hingegen ist geöffnet. Klar, die neueste Södersche Propagandaschrift zu veräußern ist auch wichtiger, als Essen zu verkaufen.

Leute sind allerdings keine drin. Die Tür des Ladens ist auf einer für adipöse Menschen ungeeigneten Öffnungsbreite arretiert, und außen dran steht was von 1,50 m Abstand. So sieht er also aus, der Höhepunkt der Pandemie. Keine Menschen, keine Brezen, und auch keine Maskenpflicht. Die Bahnsteige sind aber ohnehin völlig leer, und nicht wie sonst krachvoll. Zu spät kommt meine Bahn trotzdem, keine Ahnung, wie sie das wieder geschafft haben. Ich fahre also mit dem Geisterzug zum Bahnhof meines München-vorgelagerten Industriekaffs, und setze mich dann in den Geisterbus. Vorne ist abgesperrt. Ticket kaufen wann anders. Weder der Busfahrer noch sonst irgendwer trägt einen Mundschutz. Die Dinger sind wohl immer noch knapp, und Franz Ferdiand von Drosten hat sich mit der WHO noch nicht geeinigt, ob man jetzt Hamsterkäufe verhindern oder Maskenverwendung pushen soll.

Dafür gibt es die Müll-Masken jetzt in rauen Mengen in meiner Firma, frisch aus der amerikanischen Zentrale. Gewissenhafte Mitarbeiter tragen sie (kein Witz) sogar allein im Büro am Rechner. Man weiß ja nie… Windows und so. – In der Raucherecke allerdings gilt das Solidaritätsgebot nicht. Ich statte ihr einen Besuch ab und stelle mit einer gewissen Schadenfreude fest, dass man unter Rauchern gelinde gesagt auf Corona scheißt. In der Kantine ist es ähnlich. Weder hat irgendwer Lust darauf, alleine zu essen, noch kommt man auf die Idee, es zu tun. Ungefähr überall dort, wo Menschen zusammen kommen können, tun sie es auch, nur eben mit 1,50m Abstand, sofern dieser kontrolliert wird.

Teil der internen Maßnahmen sind auch hilfreiche Rundschreiben. So erhalte ich eine Mail, in der steht, dass bis auf weiteres »aus gegebenem Anlass« alle Obst-Körbe entfernt worden wären. Ja, diese schmutzigen Obstkörbe, aus denen sich jeder einen Apfel nehmen und ihn danach nicht abwaschen kann… Sind ja auch bekannt als Virenschleudern. Fast so schlimm wie Kleinkinder. Plastiktüten wiederum scheinen meinem Arbeitgeber sicher, und sind erlaubt. Da ist sich die Wissenschaft einig: kein einziger Fall von Schmierinfektion über Beutelsuppen… »Leckt mich doch alle am Arsch.« möchte man sagen, und tut es auch, sobald die Tür zu ist.

Abgesehen von den (zur nicht vorhandenen Angst vor der Krankheit im Aufregungspotential hart kontrastierenden) Corona-Regelungen verläuft der Arbeitstag recht unspektakulär. Auf dem Heimweg mache ich mal wieder einen Abstecher in die Pasing Arcaden. Nichts hat auf, außer die Drogeriemärkte. Auch Essen to go beim Asia-Dings gibt es nicht. Zu infektiös.

Eigentlich ist es schon schön, dass die Stadt mal ein bisschen leer ist. Auf die Supermärkte trifft das nur leider nicht zu. Dorthin wurde die Corona-Party, besonders die für die Risikogruppe, nun offenbar verlegt. In gewohnter Manier hustend und schniefend schleppen sich die Hochgefährdeten tagtäglich durch die Gänge von Aldi, Lidl und Norma, auf der Suche nach… ja, nach was eigentlich?

Mittlerweile bestätigen mir nun schon mehrere Follower und hier anonym gehaltende Freundesfreunde, die im Einzelhandel arbeiten, dass sie täglich dieselben Rentner an der Kasse stehen sehen. Aus bislang durch Prof. Drosten nicht öffentlich erläuterten Gründen stellt der staatlich propagierte einmalige Wocheneinkauf für die Risikogruppe ein nicht umsetzbares Konzept dar. Insbesondere scheint ein solcher Einkauf, ob nun nach Murmeltiermethode oder nach der »Ich bin nicht bescheuert«-Technik, nicht vor dem Wochenende machbar zu sein – also dann, wenn die nicht erwerbstätigkeitsunabhängige Bevölkerung gern einkaufen gehen würde. Für die und ihre Familien heißt es nur weiter #stayathome und #irgendwasmitsolidarität.

Das ist es wohl, was vom edlen Wunsch nach einem nicht-diskriminierenden Lockdown übrig geblieben ist. Klar. So ein Lockdown darf schließlich nicht nach dem Alter gehen – außer bei Kindern. Ist ja auch logisch und was ganz anderes. Zu Hause bleiben sollte, wer ansteckend sein könnte, nicht wer sich anstecken kann… Ja. Vielleicht kann man diese Söder-Logik nach ein paar Maß nachvollziehen, wenn man möchte. Ich möchte nicht.

Denunzieren geht über Studieren

31. März. Zwei Wochen ohne andere Kinder. Nachdem die Spielplätze also verboten sind und heimliche nächtliche Nutzung nicht in Frage kommt, sind wir auf Bäume ausgewichen. Mein Kind hat es nicht so mit Bäumen. Ich allerdings kenne diese »alternativen Spielgeräte« aus meiner Kindheit noch ganz gut. Wir waren sogar mehr auf Bäumen als auf Klettergerüsten. Ich jedenfalls, weil ich immer Angst hatte, mich auf die Fresse zu legen. Flauschi ist allerdings ziemlich schmerzfrei und probiert die Bäume gleich aus.

Wir sind in einem kleinen Parkstück 50m vom Spielplatz. Viele Häuser, viele Bäume. Durch die Bäume kann man aber durchschauen und uns Corona-Dissidenten beobachten. Ja, diese Leugner, finden sie doch immer wieder Schlupflöcher. Lassen ihre Kinder mit dem Laufrad einen Hügel in der Wiese hinunterrollen. Ihr viren-schleuderndes Kleinkind! Nun ja, ein Anruf genügt. Am nächsten Tag sind meinem auch Hügel und Bäume untersagt. Ich bin dem Nervenzusammenbruch nah. Nicht aus Verzweiflung über Lösungen. Nein, es geht schon irgendwie. Aus Entsetzen über diese Menschheit. Über diese intolerante, verbohrte, verbitterte Menschheit um mich herum.

Eltern sind kein Kita-Ersatz

Ich bin die Mama meines Kindes. Ich bin nicht seine Freundin, seine Lehrerin, seine Erzieherin oder seine Musikpädagogin. Die Unterhaltung und Bildung, die mein Kind in der Kita bekommt, kann ich ihm weder zeitlich noch inhaltlich bieten. Schon gar nicht, bzw. vor allem deshalb nicht, weil ich nebenbei noch Vollzeit arbeite in dieser Zeit.

Ich improvisiere. Male ein paar Vektorgrafiken zum Ausmalen. Auch Flauschi improvisiert, baut sich einen Wohnzimmerspielplatz aus Yoga-Blöcken. Wir bestellen ein bisschen Spielzeug, damit es was zu tun gibt. In der Kita spielt Flauschi morgens immer mit einem »Steckspiel«. Gibt es auch aus Holz. Das hole ich. Sie liebt es. Glück gehabt. Der Balance-Kaktus ist auch hoch im Kurs, auch wenn sie eigentlich nur einen einzigen langen Stab daraus bildet, stolz erklärt, sie habe einen Turm gebaut, und diesen schiefen Turm von Texas dann mit dem letzten Kaktusblatt feierlich umfallen lässt…

Wir sind an einem Punkt, an dem wir uns nicht vorstellen können, dass dieser Zustand noch eine einzige Woche so weiter gehen soll. Und wir sehen auch die Gründe nicht. Es gibt so ungemein wenige Kita-Kinder verglichen mit allen anderen möglichen Orten, an denen man sich anstecken kann, an denen v.a. Menschen sind, die sich hiervor in Acht nehmen sollten. Kitas, das müsste doch auch Menschen, die nicht Eltern sind, klar sein, können rein zahlenmäßig gar keine besondere Rolle spielen bei dieser Krankheit. Unter-3-Jährige gibt es in Bayern gerade mal 100k. Schüler über 1,2 Millionen. Ich sage diese Zahlen laut und Menschen erzählen dann irgendwas von Superspreadern und Clustern. Solche Gespräche gibt es immer wieder. Und immer wieder brechen sie da ab, wo meinem Gegenüber die Argumente oder die Geduld ausgehen. Mir aber geht sie auch langsam aus. Ich lasse mich kaum noch auf diese Diskussionen ein. Ich lade mir Babbel runter und lerne Schwedisch. Warum? Naja, wir wollten eigentlich mal nach Frankreich. Aber da sind sie ja genauso bekloppt. Warum also nicht abhauen? Ist das so verrückt?

Ich finde es überhaupt nicht komisch. Und wie wunderbar, dass ich auf einmal täglich Mails und PNs bekomme, von Leuten, denen es auch so geht. Eine Mutter sagt: Naja, ist ja fast das einzige Land, wo man noch hin kann, oder? Wir haben es uns auch schon überlegt. Ich glaube, da ist auch so ein Grundproblem der Deutschen. Sie überlegen, bis das Leben vorbei ist, sind aber gleichzeitig von FOMO geplagt. Ich will das irgendwie nicht mehr.

Die Krise macht mir überhaupt erst mal bewusst, wie idiotisch die meisten Menschen eigentlich mit ihrer vielen vielen Zeit umgehen. Auch im ersten Babyjahr dachte ich mir das oft. Wie viel Zeit hat man doch ohne Kinder! Wie frei ist man! Aber man macht nichts damit, weil man eben dumm ist. Menschen sind so. Und wie ich das so dachte, dachte ich mir auch, dass ich nicht so sein will, dass ich insbesondere nicht mein ganzes Leben in einem Land bleiben möchte, in dem so etwas möglich ist, und sich die Leute noch mit ihrem peinlichen Gutmenschen-Gehabe auf Masken-Selfies zum Fremdschämen präsentieren. Ach, warum bist du tot, Roger Willemsen? Du hättest bestimmt ein paar treffliche Sätze zu dieser grotesken Posse zu sagen! Krebs killt übrigens mehr Menschen als Corona. So wie ungefähr 20 andere Todesursachen. Der Unterschied ist nur, dass Krebs nicht nächsten Sommer vorbei ist.

Heimwerken gegen die Pandemie…

Ostern. Früher hieß es Saufen gegen rechts! Heute ist der Punk Familienvater und baut schöne Dinge für seine Kinder. Ich auch. Ich mache meinem Kind diese Spielküche zu Ostern. Steht schon ein halbes Jahr rum. Ich werde noch mal genau beschrieben, wie ich das gemacht habe. Momentan fehlt die Zeit. Es war ein wirklich schönes Projekt. Die Idee: eine komplett nachhaltige Kinderküche – aus vorwiegend gebrauchten Teilen. Kostenfaktor: 8 €. Blöd war nur, dass alle Baumärkte zu hatten…

Das war auch wieder so ein Moment des lauten Fluchens, des Schreien wollens. Denken Politiker? Denken die? Haben die so etwas wie ein Hirn? Da ist also nun die ganze Nation zu Hause eingesperrt und dreht am Rad, und schlägt seine Kinder, und ihr macht den Männern die letzte Bastion der Zuflucht auch noch zu – die Baumärkte? Seid ihr eigentlich völlig geistesgestört? Wisst ihr, wie voll Baumärkte sind, wenn sie voll sind? Ich sag’s euch: Nicht voll. Warum? Weil sie fucking groß sind. Schon mal gehört? Bedeutet das Gegenteil von klein und eng. Ungefähr der Ort, an dem man sich am wenigsten von allen ansteckt, gleich nach draußen.

Ich kann nicht begreifen, wie man so dumm sein kann, und Baumärkte schließen. Ich meine, wolltet ihr dass die Post überlastet wird? Mein Postbote findet es nicht geil, mir Werkzeuge liefern zu müssen, just saying… So als kleiner Tipp für die nächste Pandemie. Muss man dafür vielleicht Physik studieren, um so einen krass komplizierten Zusammenhang herleiten zu können? Ich weiß es nicht. Aber hey,… Sanity-Anmerkung. Wenn du dir auch gedacht hast »The fuck soll’n das bitte?« – »Ja. Du bist normal. Die sind gestört.« Kann man auf so gut wie alle Ereignisse in dieser Krise anwenden. Einfach immer leise vor sich hin sagen, wenn es keiner mitkriegt, und ruhig atmen… Es geht vorbei.

Nähen gegen die Pandemie…

15. April. Ein Monat ohne Kontakt zu anderen Kindern. In einem Anfall von Existanzangst fange ich an, Masken zu nähen und online zu verkaufen. Es geht so unglaublich gut, und meine ganze Instagram-Community macht auch noch mit, dass ich für diesen Monat mehr als ein Minijobber-Gehalt zusammenkratzen kann. So absurd, aber ich freue mich natürlich über die Unterstützung. Ein hämischer Teil von mir denkt auch: Wenigstens verdiene ich noch was an der Blödheit der Anderen. Wobei ja viele von denen auch nur realistisch denken und für die Maskenpflicht vorsorgen wollen. Dass der Maskenzwang sich aber so lange halten würde, das hätte ich nicht gedacht…

Deutsche Bürokratie über alles, über alles in der Welt!

20. April. Die Spielplätze sind immer noch zu. Was mich in tägliche Bedrängnis gegenüber meinem nicht ganz blöden Zweijährigen bringt. »Warum sind die zu?«… Jeden Tag. Irgendwann sage ich: »Weißt du, da ist ein ganz furchtbar dummer Mann, der Herr Söder, der hat die zugemacht. Und die Kita hat er auch zugemacht.«

»Und warum?« fragt sie daraufhin. »Na ja, weil er eben sehr dumm ist.« sage ich in Kindersprech. Ich weiß nicht, was ich noch gesagt habe, aber in der Kita hat mein Kind wohl noch Wochen später erzählt, Herr Söder hätte einen sehr kleinen Pimmel. Nun, das kann ich nicht beurteilen, auch wenn ich hier nicht für das Gegenteil eintreten möchte… Kompensationshandlungen müssen sich ja nicht auf unnötige Autos beschränken, auch unnötige Machtspiele sind eine verbreitete Idee…

Was ich nicht über mich bringen kann, ist jedenfalls, meinem Kind Lügengeschichten von einem extrem tödlichen, durch Kinder übertragbaren Virus weiszumachen. Ich bringe ihr bei, die Hände zu waschen und in die Ellenbeuge zu niesen. Das macht sie zimlich gut und guckt ganz stolz. Und das reicht auch.

Unterdessen versuchen wir, einen Sandkasten aufzustellen. Der Aufwand und die Dauer der Abwicklung kommen an die Einreichung einer Dissertation heran. Wobei, nee, das geht schneller. Erst müsse eine Eigentümer-Konferenz einberufen werden, sagt die Hausverwaltung. Das ginge aber nicht, weil der Topf ein Loch hätte, äh, weil Corona. Ach so. Ja, da müsse man 8 Wochen warten oder so. Weiß die Dame am Telefeon nicht. Hm. Letztlich sagt mein Vermieter freundlich »Fuck it!« und wir sollen den Sandkasten einfach hinbauen. Wenn es jemanden stört, würde er sich drum kümmern. Extrem nicer Typ! Er ist jünger als ich. Ich bin echt froh, dass er so entspannt ist. Der Sandkasten ist eine echte Erleichterung. Man muss nicht mehr durch die halbe Stadt zum Park (auch ein zeitliches Problem, wenn man noch arbeitetn, einkaufen und kochen muss). Die Nachbarskatze findet das neue Klo übrigens auch ganz toll, weshalb ich jedem Menschen, der sich einen Sandkasten kaufen möchte, empfehlen kann, das Modell mit Deckel zu nehmen…

Die Arztpraxen und Kliniken sind leer – die Köpfe der Politiker offenbar auch.

24. April. Besuch beim Hausarzt in der leeren Praxis. Sonst ist es hier brechend voll. Dass es wirklich kein Zufall ist, merke ich auch daran, dass ich mit einen Termin aussuchen konnte, und der nächste freie Termin noch am gleichen Tag verfügbar war. Wann ich vorbeikäme, sei egal.

Aus »aktuellem Anlass« liegen keine Zeitungen aus. Dass Schmierinfektion bei Corona so gut wie keine Rolle spielt, hat sich offenbar noch nicht bis zur Ärzteschaft rumgesprochen… Solche Zettel machen mich auch irgendwie wütend. Es ist das gleiche dumme Mitschwimmen wie bei der Welle der Müllprodukte, denen von Verfechtern der Hygienedoktrin nun irgendwelche dauerhaft irrelevanten Venezianischen Delfine entgegen gehalten werden. Sanity, not sanitizer!

Die minimalistische Maske: so dünn wie möglich.

27. April. Ich habe mir eine besonders dünne, einlagige Maske genäht, damit ich besser Luft kriege. Zusätzlich trage ich sie extra locker. Mir ist es wirklich ein Rätsel, wie manche Leute freiwillig mit den Dingern Fahrrad fahren können. Selbst bei einsamen Tätigkeiten werden die teilweise eng abschließenden Gesichtsschlüpfer übergezogen. Eine Art Solidaritätswimpel? Keine Ahnung. Ich nehme Abstand.

Die Diskussion um die Maskenpflicht ist auch immer noch in vollem Gange. Viele argumentieren, dass es doch bloß um »mal kurz eine Maske aufsetzen« ginge. Dass ein kleines Stück Stoff ja wohl kaum die Freiheit einschränken könnte. Ich frage mich, warum sich manche dieser Menschen dann aber an einer Burka stören? Werden Kleidungsstücke erst unsympathisch, wenn sie eine Konfession haben?

Maskenpflicht in der leeren Straßenbahn. Selbst zur Hochphase der Pandemie galten laschere Regeln…

Natürlich kann auch ein kleines Stück Stoff die Freiheit einschränken! Statt eine Maske zu tragen, könnte man die Menschen auch zwingen, gelbe Schuhe und einen passenden gelben Hut aufzusetzen, zum Schutz der Allgemeinheit, und dazu noch eine passende gelbe Sternschnuppe ans Revers – auf eigene Kosten, versteht sich. Das wäre zum jetzigen Zeitpunkt ungefähr genauso nützlich wie ein Mundschutz aus Stoff. Wobei, nein, es wäre im Gegensatz dazu deutlich weniger gesundheitsschädlich. In einer kleinen gelben Sternschnuppe auf der Brust sammelt sich üblicherweise keine Spucke mit Viren und Bakterien.

4. Mai. Der größte Teil der Krise endet für uns mit der Notbetreuung. Für viele andere Eltern geht es leider zu Hause weiter. Für mich heißt es Auftragssuche, Nebenjobs und langsam Suche nach einer Doktorandenstelle. Mit Ungewissheit, fehlendem Einkommen, ohne Urlaub und mit ein paar grauen Haaren mehr. An meinem ersten freien Tag gehe ich Seife kaufen. Auf ausgiebiges Masken-Shopping habe ich keine Lust. Das wird auch noch eine Weile so bleiben. Ich kaufe diese kuriose Seife, mit der Christian Drosten vermutlich sein Hirn wäscht, und gönne mir eine Extrarunde auf der Yogamatte. Und der Schlafmatte.

Unterwegs mit Stuss von Spahn

28. Mai. Diese Ganze Maskenchose ist deprimierender als ich dachte. Und dümmer. Sogar an Bushaltestellen – im Freien und ohne anwesende andere Leute – soll man die Dinger tragen. Steht auf kleinen blauen A4-Zetteln. Das erste, was ich mache, sobald ich aus einem öffentlichen Verkehrsmittel raus bin, ist, mir das Ding plakativ aus dem Gesicht zu rupfen.

Selbst auf dem Bahnsteig herrscht Maskenpflicht, völlig unabhängig davon, wie viele Menschen da sind. Auf dem Weg zur Arbeit sitze ich morgens 30 min in einem leeren Zug, danach in einem leeren Bus.

Bei dm werden Kunden nur mit Einkaufswagen reingelassen. Ich stelle den Wagen bei der Kasse ab und gehe dann in Ruhe einkaufen, wie immer. Viele Menschen haben noch nicht kapiert, dass die Wagen v.a. einen Zweck haben: Das Abzählen der Leute. Das könnte man auch einfacher haben, zB. durch Vergabe von Chips. Aber statt dessen stellt man lieber eine komplette Arbeitskraft ab, die den ganzen Tag nichts anderes macht als Wägen abwischen und genervt gucken. Yeah. Im Laden werde ich auch prompt angepflaumt, weil ich meinen Anstandswagen nicht dabei habe. Ich stecke mir die Kopfhörer ins Ohr und ignoriere den Wutbürger. Die Liste der Menschen, die mich am Arsch lecken können, wird jeden Tag länger. Auf einen kommt es nicht an.

Keep calm and do yoga.

Mai, fast vorbei. Ich hab die 30 days yoga challenge hinter mich gebracht. Mache jetzt 2 × täglich Yoga, um nicht sans arrêt schlecht gelaunt zu sein. Ich möchte an dieser Stelle mal jedem Menschen, der sich so fühlt, eins sagen: Du bist völlig normal. Deine Frustration ist eine normale, gesunde Reaktion auf das, was hier so passiert. Du bist okay.

Sich in einer Gesellschaft Masken-Selfie-postender zufriedener Vorgärtenmütter wohl zu fühlen, das wäre etwa so normal, als würdest du dich auf einer geschlossenen Psychiatrie wohl fühlen. Meine Normalität wird immer etwas anderes sein. Und eine neue Normalität will ich nicht. Ich verdränge sie. Oder ich tu etwas dagegen, so gut ich kann. Auch das ist normal.

Ein Projekt – wie Arbeit, nur unbezahlt, und dass man nicht hingehen muss

Was mich auch ganz schön ankotzt, neben der Selbstfindungs- und Einkehr-Blase, ist die Selbstverwirklichungsblase, in der manche zu leben und nicht durchzudrehen scheinen. Ja. Ignoranz hilft enorm… Online-Business aufbauen. Auf Instagram mit alten Urlaubsfotos durchstarten. Eine Buch schreiben…

Auch ich erwische mich dabei, wie ich flüchte. Manchmal einfach dem Alltag ausweiche. Kinderbuchillustrationen zeichne. Wer nicht? Irgendwie so ein Mütter-Ding. Kannst du zeichenen? Dann malst du natürlich was für dein Kind. Fertig bringen tun sie’s alle nicht. Ich bin da wahrscheinlich keine Ausnahme. Aber hey, man kann es als therapeutisch verbuchen. Hat zwar nichts mit Therapie zu tun, ist nur ein Modewort, aber irgendwie trotzdem besser als »Zeitverschwendung« zu sagen, nicht?

YouTube. Oder: Ich kann auch nicht nichts sagen.

Eigentlich wollte ich wieder mehr zu Minimalismus machen. Ach… fuck it.

1. Juni. YouTube-Gedanken… Das lächerliche Preprint von Drosten setzt der ganzen Kita-Debatte die Krone auf. Ich hatte eigentlich keine Lust, noch viel zu dem Thema zu sagen, doch ständig ereignen sich ja neue Absurditäten. – Ja… sicher, es ist »normal«, schwammig und unsauber formulierte, mathematisch falsche und medizinisch irrelevante negative findings (wenn schon, dann zu allem Überfluss auch noch) auf seinem eigenen Server, also ohne Diskussionsmöglichkeit, hochzuladen. – Ähm nein. Ist es nicht.

Ich kann nicht glauben, wie viele Menschen diesem Mann an den Lippen hängen, auf sein Urteil vertrauen. Es ist absolut erschreckend, zu sehen, wie blind man hier für Kritik ist. Auch moderate Kritiker werden sofort von einem streitunfähigen Heer von Followern beleidigt bis diffamiert.

Ich bin mittlerweile an dem Punkt, an dem mir das alles egal ist. Das Drosten-Paper ist auf dem mathematischen Niveau einer mündlichen Prüfung in Sozialkunde. Selbst primitivste Angaben wie Mittelwerte wurden falsch berechnet. In den Medien wird unterdessen von kleineren Fehlern schwadroniert, und die Person Drosten von einer Welle der (nicht schon wieder) »Solidarität« beschützt. Es war für mich so ein Fall von Ich kann auch nicht nichts sagen. Müll kann man nicht so vor seiner Haustür stehen lassen. Auskehr statt Einkehr!

Adieu, Lieblingsladen. Salut, Maskenautomat.

5. Juni. Nature et Decouvertes – einer von vielen Läden, der mir fehlen wird. In denen es zero waste Geschenke gab, wunderbare Bücher, Holzspielzeug, Bio-Tee, einfach Lebenskultur. Weg. Nicht wegen Corona, sondern wegen dieser – angeblich nicht anders machbar gewesenen – Politik. I call bullshit! Dafür gibt es in den Pasing-Arcaden jetzt einen Maskenautomaten. Die obere Reihe ist ausverkauft. Ich habe mir auch ein paar genäht. Aber ab und zu trage ich gerne meine »Leckt mich am Arsch«-Maske.

Das Leben ist zu kurz für schlechten Tee, und viele andere beschissene Dinge.

15. Juni. Ich habe Matcha für mich entdeckt. Ein Grünteepulver, welches aus im Schatten gewachsenen Pflanzen gewonnen wird, die besonders viel Chlorophyll enthalten. Er schmeckt sehr herb, aber sehr lecker herb. Mit Milch und Zimt. Meditation in der Tasse.

Irgendwie hat mich die Krise schon achtsamer gemacht, aber auch kritischer. Ich achte mehr darauf, wen und was ich in mein Leben lasse. Ich sage zu toxischen Menschen gleich nein. Zu Chips auch. Toxische Menschen sind wie Chips. Machen auf Dauer unglücklich und fett. Leisten ansonsten keinen wertvollen Beitrag. Ich glaube, mit Chips-Vergleichen könnte ich immer so weiter machen. Es gibt bestimmt auch Chips, die innen hohl sind!

Achtsamkeit hilft schon, aber halt nicht gegen alles

20. Juni. Die Kitas sind seit einer Woche geöffnet. Nach Baumärkten, Restaurants, Einrichtungshäusern und Kirchen. Nach eigentlich allem. Zuletzt wird, im Schatten massiver Vorsichtspropaganda, und fast schon als eine Art gutmütiges Zugeständnis nun also auch an die Kinder gedacht.

Die Krise endet, oder auch nicht. Der Ausblick besteht aus einer hoch-hypothetischen zweiten Welle, ewigem Warten auf einen experimentellen Impfstoff und weiteren Katastrophenverordnungen einer Regierung, die nicht Leben, sondern vor allem den eigenen Arsch retten will. Alles auf open end. Was eine derartige Unsicherheit und Willkür mit dem Gehirn davon Betroffener macht, sollte man eigentlich nicht mehr erklären müssen. Es ist im Volksmund auch als Stress bekannt.

Manchmal frage ich mich, wie Leute diese Krise überstanden haben, denen es weniger gut ging als uns. Die Bilder oben zeigen mein Zimmer, und unseren Balkon. Im Home Office mit Kita-Notbetreuung sind meine Tage ja plötzlich sehr viel entspannter. Auch wenn die erste Woche irgendwie nur als Erholen besteht. Jetzt soll es ganz schnell wieder weiter gehen. Man merkt, wie panisch die Menschen in der Industrie gerade sind, aber Aufbruchsstimmung würde ich es nicht nennen. Wesentlich negativer und bedrohlicher. In so einer Zeit kann man sich eigentlich nur abgrenzen, um gesund im Kopf zu bleiben.

In der »Home-Office-Elternzeit« habe ich mit meinem Kind fast jeden Tag Yoga gemacht, das behalte ich auch erst mal bei. Und, welch industrieunverträgliche Überraschung: Die Welt bricht nicht zusammen, wenn man sich für den eigenen Körper Zeit nimmt. Es geht sogar alles besser und schneller. Glaubt mir nur irgendwie immer keiner. Lieber wartet man, bis irgendwas weh tut oder man völlig fertig ist. Es dauert ziemlich lange, bis Menschen bereit sind zu kapieren, dass noch zwei Stunden am Schreibtisch vor dem Schlafen eben scheiße sind.

Ich würde mir auch wünschen, dass all die Pünktlichkeits- und Morgen-Meeting-Sadisten dieser an den Rand des Machbarkeitswasserfalls geschifften Welt, langsam raffen würden, dass es so eigentlich nicht weiter geht. Aber irgendwie glaube ich, dass diese Krise für die wenigsten, auch nicht all die selbst-gefundenen Erleuchteten, ein großartiger Weckruf zu einer besseren Normalität sein wird. Viel mehr denke ich, wird es bald Back to normal! in all den Bereichen heißen wird, in denen es nicht um Entspannung, Kultur und Miteinander geht, und um Welcome to the new normal! überall dort, wo man nur jede noch so sinnlose staatliche Kontrolle unkompliziert aufokroyieren kann. Ich sehe die Zukunft als eher düster, und dagegen hilft Yoga leider auch nicht viel.

Gut, mir vielleicht schon, auf einer individuellen Bewältigungsebene. Dem Rest der Menschheit nützt das im Allgemeinen aber wenig. Ich habe dennoch etwas gelernt aus dieser Krise. Zwei Dinge im Großen und Ganzen. Ding 1: Dass ich auf Dauer nicht in Deutschland leben will. Dass mein Kind hier nicht in die Schule gehen soll, wenn es sich vermeiden lässt, dass ich eine schönere Natur um mich herum brauche, und dass Yoga wirklich macht, dass es einem besser geht, auf so gut wie allen Ebenen. Ding 2: Dass mir meine Zeit zu schade ist für diskussionsunfähige Ignoranten. Überhaupt für Menschen, die sich so leicht mitreißen lassen, die chronisch zufrieden in ihrer Blase sitzen und sich das Leben schön machen wollen. Das hänt auch mit Ding 1 zusammen. Ich kann mir das Leben gar nicht richtig schön machen, wenn ich sehe, was um mich herum so passiert. Und wer das kann, der ist mir wirklich völlig fremd.

Anmerkung: Einige Daten sind aus Datenschutzgründen geändert.

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