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Kleines Krippenkind

by Undine Almani
Gebraucht gefunden: Mini-Rucksack und Krabbelschuhe

Eingewöhnungsverhör, Ängste und das Über-Ich

Kaum auf der Welt, schon geht es in die Kinderkrippe. Kommt mir so vor. Weil die Zeit fliegt. 10 Monate, wo sind die hin? Es tut weh und tut nicht weh, weil es ja auch so toll ist, was wir in dieser Zeit zusammen erlebt haben. In den letzten Monaten musste ich allerdings zwangsläufig oft an meine eigene Kindheit denken. Reflexionen in Anbetracht dessen, dass ich nun selbst ein Baby habe, Erinnerungen an meine eigenen Kleinkindjahre, Betreuung, Eltern, ziemlich ekelhaften Spinat… Noch eine Woche, dann soll Flauschi in die Krippe. Neudeutsch: Kita.

»Die Kita-Eingewöhnung ist oft mehr eine Mami-Eingewöhnung…«

sagt die blonde Mittzwanzigerin zu mir und meinem Mann. Sie redet v.a. mit mir, weil ich mehr rede als er, aber eigentlich sollte sie mit ihm reden. Ich habe mich nämlich aus der Affäre gezogen. Ich werde zur Eingewöhnung nicht da sein. Statt dessen gehe ich auf Vollzeit und er nimmt einen kompletten Monat Elternzeit. Mit Emanzipation hat das allerdings nichts zu tun, auch wenn es irgendwie eine ist. Aber der Grund ist eigentlich, dass ich nicht da sein will, wenn Flauschi zum Abschied quengelt oder womöglich noch weint. Ich glaube, das wäre in der Tat zu viel für mich. – Übrigens sehr skurril, dass ich bis zur Geburt nicht gedacht hätte, dass ich jemals soetwas sagen würde. Ich dachte immer, das würde sicher vor allem für das Kleine schwer, für mich aber nicht weiter dramatisch. Bin ja erwachsen und abgebrüht. Ja… Einen Scheiß bin ich!

Wie dem auch sei. Man muss, bevor man sein Kind in die Einrichtung bringt, ein sog. Eingewöhnungsgespräch über sich ergehen lassen. Es ist ein bisschen wie die Pflegeanamnese im Krankenhaus. Eine Lernschwester kommt, fragt allen möglichen Blödsinn, der später eh keine Sau interessiert (u.a. deine sexuelle Orientierung oder deine Nationalität), es sei denn, es wäre Anlass zu Flachwitzen im Schwesternzimmer… Und du fühlst dich ein bisschen ausgehorcht aber auch ein bisschen verpflichtet, alles wahrheitsgemäß zu beantworten.

»Wundern Sie sich nicht, manche Fragen klingen komisch, aber die haben durchaus ihren Sinn für uns.«

Welchen, frage ich nicht. Bin schon wieder zu überwältigt von so viel menschlicher Interaktion. Ob es bei der Geburt Komplikationen gegeben habe? Abgesehen davon, dass es mehr als einen Tag gedauert hat, bis es endlich vorbei war? Nö? Bekommen Kaiserschnittbabys hier vielleicht eine Extraportion Pudding?

Was unsere größten Ängste wären, möchte sie wissen.

»Dass ihr Plinsen meinem Kind nur Mist beibringt, den ganzen Tag beknackte Ohrwürmer eintrichtert und ihm alles verlernt, was wir mühsam aufgebaut haben? Und dass ihr einen Haufen Plastik- und Windelmüll produziert nebenbei bemerkt.« sage ich nicht. Statt dessen einigen Mann und ich uns auf »Dass sie sich verletzen könnte.«

»Oh, tatsächlich?« sagt die blonde Frau verwundert. Und diese Reaktion beruhigt mich schon fast! – Wie jetzt, die Kinder hauen sich hier nicht ununterbrochen die Rübe an? Cool.

Aber am Abend liege ich im Bett und frage mich in einem Gedankenkreis des paranoiden Misstrauens, ob das eine so eine mafiöse Leverage-Frage war. Ob die blonde Perle mich vielleicht, wenn ihr etwas nicht passt, beiseite nimmt, wenn ich Flauschi abhole, und sagt: »Wissen Sie, es kann schon mal passieren, dass ein Kind ausrutscht und sich die Zähne ausschlägt. Wir sind hier alle sehr überlastet…« Ob ich dann ein extra Essensschutzgeld zahlen muss, damit wir weiter gut »versorgt« sind?

Ich kann nicht schlafen und wälze mich, bis Flauschi auch wach wird und quäkt. Die Krippe verfolgt mich. Ich habe zwar keine Alpträume davon aber schlaffördernd ist das Thema trotzdem nicht. Ständig mache ich mir Gedanken, ob es ihr dort gut gehen wird. Mein Umfeld ist größtenteils auch keine Hilfe.

Und nein, natürlich möchte ich nicht hören: Das wird schon passen. Oder dass das alle geschafft haben. Ich war in der Krippe in der DDR nicht besonders glücklich. Ich weiß noch, dass ich alles doof fand. Doof war mein Wort für diese Zeit. Da war ich zwei. Und ich weiß es heute noch, weil man sich an Emotionales eben besser erinnert. Ich »weiß« es nicht aus Erzählungen, sondern recht bildhaft aus meinen eigenen Erinnerungen. (Ich schreibe das dazu, weil es ja doch auch viele Fake-Erinnerungen gibt, die man sich aus elterlichen Geschichten zusammenbauen kann. Aber ich habe tatsächlich viele echte Erinnerungen, zu denen sogar noch gemalte Kinderbilder existieren, zu der Zeit ab dem zweiten Lebensjahr.)

Aber manchmal wären realistische statt beschwichtigender oder übermäßiges Unheil beschwörender Kommentare ganz schön. Ich stelle mir selbst schon genug beängstigende Fragen und wenn ich eins nicht brauche, dann weitere Schreckensgeschichten. Das hat mich schon vor der Geburt genervt. (Nur, dass ihr es wisst, falls hier werdende Mütter dabei sind: Meine Geburt war komplett schmerzfrei. Ich habe gar nichts gespürt! Ein Hoch auf die moderne Anästhesiologie! Nehmt das, ihr Unken!)

Wo war ich? Ach ja. Ängste. Genau. Ich frage mich jedenfalls selbst schon die ganze Zeit, wie es werden wird… Mein gewissentliches Über-Ich hält mir Vorträge über das Elternsein und produziert täglich neue Zweifel: Schädige ich die Bindung mit meinem Flauschi? Wird ihr etwas fehlen? Wird sie traurig sein? Wird sie viel weinen? Wird sie hoch genommen werden, wenn sie weint? Wird sie gekuschelt werden?

Oder: Ist es vielleicht ganz gut, wenn andere Menschen sie auch trösten können? Wenn sie lernt, dass Trost von Menschen im allgemeinen kommen darf? Oder ist es dafür viel zu früh mit 10 Monaten?

Ein kleiner Mini-Kanken Rucksack und Krabbelschuhe müssen mit in die Kita. Trinkflasche für die Milch darf auch nicht fehlen...
Kita-Einführung ist viel Organisatorisches. Ich wusste ja gar nicht, was die alles brauchen. Krabbelschuhe sind Pflicht. »Wegen Versicherung«, erklärt die blonde Frau. Eine Trinkflasche brauchen wir auch. Und im Rucksack sind die Wechselklamotten. Ich hab zum Glück ganz viel Gebrauchtes bekommen. Auch diese Sachen sind nicht neu und dürfen »einfach nur benutzt werden«… 😉

Oder auch: Ist sie jetzt nicht viel zu isoliert, hier zu Hause? So einmal Besuch pro Monat, kaum Kinder… Sie wird raus kommen, mit anderen Kindern spielen. Sie liebt andere Kinder. Nehme ich ihr nicht etwas weg, wenn ich sie noch länger zu Hause lasse? Vielleicht gefällt es ihr dort total! Sind es nicht mehr meine Ängste als reale Bedrohungen? Sind die Erzählungen kleiner Kinder nicht oft vollkommen projektionsbedingt und verzerrt durch das Bias der Eltern? Möchte ich so eine panische Glucke sein? Möchte ich die Erinnerungen meines Kindes so prägen? Oder möchte ich lieber stark sein und positiv bleiben, um ihr keine unnötige Angst zu machen? Möchte ich nicht lieber, dass sie viel weniger ängstlich wird als ich?

Tja… Merkt ihr selbst, oder? Loslassen können ist nicht meins. Ich habe drei Jahre auf mein Flauschi gewartet, viel Zeit zum Nachdenken, und man möchte es nicht nur meinen, sondern es ist wirklich so, dass ich sie nicht hergeben will. Dieses Kind ist meine ganze Welt. Nur gibt es da diese eine blöde Sache, sie titelt: Realität fressen Leben auf.

D.h., mein Teilzeit-Studium muss irgendwann mal fertig sein. Arbeit wartet. Umzug steht an. Nein, erst mal Wohnungssuche. In München! – Hm. Geld muss verdient werden. Urlaub will geplant sein. Waschmaschine geht bald kaputt. Keller ist voll mit Zeug. Mann will noch eins (nen Baby). Und nein, daran ist nicht zu denken, bevor der Keller nicht leer ist!

Also denke ich mir, Hand aufs Herz: Wenn ich sie 15:15 Uhr abhole, haben wir noch viele Stunden zusammen. Wir können noch spielen, raus gehen, zusammen essen, kuscheln, reden, Freunde sehen, lesen, Musik machen,… Wir können auf der Heimfahrt von der Kita mit dem Fahrrad anhalten und im Wald Käfer angucken. Oder noch am See vorbei fahren.

Oder ich denke mir: In der Kita gibt es eine feste Tagesstruktur. Ich weiß, dass das Kindern gut tut. Bei uns ist es oft so turbulent. Ich bin damit beschäftigt, aufzuräumen und Sachen zu organisieren. Wir sitzen nicht den ganzen Tag da und spielen. Wir frühstücken zusammen, klar, alles wird zusammen gemacht. Aber die Qualität der Dinge, das kann ich mir schon vorstellen, ist in der Kita vielleicht eine andere, kindgerechtere, als im Haushalt zwischen all den Erledigungen.

Auch ist alles viel sicherer als in unserer Wohnung. Eine Kita ist ein großer Yes-Space (das englische postitive-thinking-Modewort für »Laufstall«). Dort sagt nicht ständig jemand »No-no!« wenn wieder was kaputt gehen oder zu Verletzungen führen könnte. Alles darf angefasst und ausprobiert werden. Es gibt mehr Freiheit…

Unser »yes space« im Moment: Ein komplettes Gitterbett, in dem man alles darf. Außerhalb davon ist es manchmal anstrengend…

Diese Sachen sage ich mir, wenn ich Bedenken habe. Letztlich als Rechtfertigung gegen mein schlechtes Gewissen. In einer perfekten Welt, in der ich nach der Babypause gleiche Gehaltschancen hätte, einfach alles auf Pause wäre, und am besten mit Putzfrau, da wäre ich vmtl. noch bis 18 Monate zu Hause. Die Welt ist aber nicht perfekt. Keine Liebe ist perfekt. Keine Eltern sind perfekt.

Ist Fremdbetreuung defizitär? Mit Sicherheit. Aber Elternbetreuung ist es auch. Ich kann persönlich dafür garantieren, dass jede noch so beschissene Kita besseres Essen liefert als ich (ich habe Tiefkühlpizza probiert, ich weiß es!). Alles hat Vor- und Nachteile, und sich einzureden, dass Betreuung nur Nachteile und Stay-at-home-Dasein nur Vorteile hat, ist auch naiv.

Auch vernachlässigt es die Bedürfnisse der Eltern. Sicher ist es moralisch äußerst hochwertig, diese unterzuordnen, v.a. bei kleinen Babys vollkommen lebenswichtig. Aber es ist Verdrängung, wenn man sie nicht anerkennt und benennt. Es gibt elterliche Bedürfnisse, und ihre Frustration kann seinerseits zu mehr Stress, Streit, Burnout, Traurigkeit und einem schlechteren Psycho-Klima fürs Kind führen als vielleicht mit entlastender Betreuung.

Man denke nur an viele Alleinerziehende, die ohne Hilfe einen Haushalt mit Baby stemmen müssen. Ich habe zB. Arbeiten immer als pure Entspannung empfunden im Vergleich zum Haushalt mit Kind. Dieses 100%-Daseinmüssen rund um die Uhr. Arbeit ist einfach eine Pause davon. Und man unterschätzt, wie gut das tut. Gerade als Elternteil, der zu Hause bleibt. Man lässt die eigene Arbeit womöglich als klein gelten, weil man kein Geld dafür bekommt…

Wenn man sich diese Dinge bewusst macht, finde ich, wird einfach klar, dass das Thema sehr vielschichtig ist. Dass man nicht einfach yay oder nay rufen kann. Mir jedenfalls fällt es in Anbetracht der unzähligen Vor- und Nachteile schwer, hier ein Plädoyer für eine Seite zu halten.

Um mein Bild von der ganzen Geschichte aber möglichst genau zu machen, werde ich in den nächsten Wochen noch mehr dazu schreiben. Auch zum Erstgespräch soll das nicht alles sein. Es gab an diesem Tag noch viele Gedanken und Störgefühle und viele offene Fragen. Und es wird noch so unsagbar viel zu erleben geben hier und demnächst…

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