Home Minimalismus Sind echte Minimalisten irgendwann fertig mit Ausmisten?

Sind echte Minimalisten irgendwann fertig mit Ausmisten?

by Undine Almani
Minimalismus und Ausmisten: Zwei Stapel Klamotten, die gehen dürfen.

Gerade habe ich dieses Bild fotografiert. Man kann ja, mit genügend Fleiß und einer schönen Knipse, fast jeden langweiligen Stapel irgendwie zu Instagram-Ästhetik hochstilisieren (spricht auch nichts dagegen, lieber so als lauter hässliche Fotos). Ein bisschen Scham machte sich hinter meinem Rücken breit, während ich das tat. So als selbsternannte Altminimalistin, die doch längst über allen Besitz erhaben sein müsste.

Das bringt mich zu meiner Antwort, die ich vorwegnehmen will, bevor wir weiter reden. Nein. Niemand ist jemals fertig mit Ausmisten (und die 0,01%, bei denen es angeblich funktioniert, interessieren mich nun wirklich gar nicht). Aber: Das Ausmaß wird sicher mit der Zeit geringer. Und egal wie wenig es ist, es fühlt sich immer irgendwie unbefriedigend an. Man sieht die eigenen Konsumfehler und ist enttäuscht. – Ja. Nennen wir sie doch so. Nennen wir es nicht Erfahrungen und quatschen wir nicht davon, dass wir irgendwas gelernt hätten.

Sicher hat man mal wieder verstanden, dass diese Farbe nicht gut zu den eigenen Haaren gepasst hat, und dass man endlich aufgeben sollte, wieder in Größe 32 rein zu passen. Aber wenn man wirklich etwas gelernt hätte, dann würde dieses Gefühl einem ja nicht so unangenehm bekannt vorkommen.

Auch nach so langer Zeit, wie mich dieser Lebensstil jetzt schon begleitet, habe ich immer wieder Probleme mit dieser Selbsteinschätzung. Weil Menschen sich einfach ändern. – Ich mag nicht jedes Jahr das gleiche. Ich sehe mich, wie die meisten Menschen, fast alle nämlich, irgendwann an den Dingen satt. Und dann möchte ich neue Dinge sehen. Das ist übrigens auch der Grund, warum ich keine Extremminimalistin (mehr) bin. Es macht es überhaupt erst möglich, auch ab und zu mal auf einen alten Stil zurückzugreifen, der einem vielleicht gerade doch wieder gut gefällt.

Ich gehöre allerdings auch zu den Menschen, die gewisse Klamotten für Verpflichtungen wie Abende mit Sakko und Kleidchen aufheben und dafür mehr als ein Teil benötigen, denn diese Angelegenheiten finden nicht in Florida statt und die Klamotten müssen einigermaßen konform zu drölf verschiedenen deutschen Jahreszeiten sein. Ihr seht, es ist kompliziert.

Die Kunst ist wohl, gerade trotz dieses ganzen Unsinns eine halbwegs minimalistische Garderobe und Lebensweise zu pflegen. Und deswegen bin ich froh, dass ich noch ausmiste. Denn es heißt, dass immer wieder etwas besser wird. Vielleicht bin ich auch ein bisschen emotional und mag es, mich von Zeug zu trennen, weil es mir dieses schöne Selbstbefreiungsgefühl gibt, das man ja nach Marie Kondo sonst nur einmal hätte und dann nie wieder.

Auf diesem Weg bin ich auch einmal sehr extrem geworden. Ich hatte wirklich kaum Sachen. Von allem nur ein oder zwei Teile. Sogar Socken. Die habe ich in meiner manischen Einfalt dann beim Duschen mit gewaschen und auf irgendeinem heißen Heizungsrohr (geheizt habe ich auch nicht) das zur Nachbarnswohnung lief, getrocknet. Ehrlich gesagt eine lustige Zeit, aber ich bin darüber hinweg und mir reicht es so jetzt ja auch ganz gut.

Trotzdem versuche ich natürlich, einem meiner Lieblingsgrundsätze treu zu bleiben. Ich möchte konsistent und konsequent sein in meinem Stil. Das heißt, dass ich aufpasse, welche Veränderungen mir passieren. Im Prinzip versuche ich einfach, achtsam zu sein, wenn man so will. Ich passe auf, mich nicht stilistisch zu überfordern, also zB. zu viele bunte Sachen zu haben und zu wenige Basics. Denn an besonderen Teilen sieht man sich auch besonders schnell satt.

Ich versuche aber auch ehrlich zu sein. Wenn ich etwas wirklich nicht mehr mag, dann muss es gehen. Dann findet es einen neuen Besitzer. Denn genauso wichtig wie wenig zu konsumieren ist mir, nur Dinge zu konsumieren, die mich glücklich machen. Richtig, nicht lauwarm.

Damit meine ich nicht, dass ich mich an einem Pulli mit Fusseln nicht mehr freuen könnte. So bin ich nicht. Aber wenn ich merke, dass mir etwas nicht mehr passt oder meine Garderobe, die sich langsam geändert hat, nicht mehr zu diesem einen Teil passt, dann bin ich eben konsequent und gebe es weg.

Mit anderen Lebensbereichen mache ich das dann genauso. Elektronik oder Haushaltsartikel müssen auch einfach manchmal ersetzt werden oder es kommen neue dazu. Bei allen größeren Sachen ist mir dann allerdings wichtig, dass der Platz da ist, bevor ich das neue (oder natürlich gebrauchte) Teil kaufe. Ich möchte die Situation vermeiden, plötzlich Enge oder keinen Platz zu haben und mich über meine Dinge zu ärgern.

Diese Strategien helfen mir, es überschaubar zu halten. Und auch, wenn trotzdem alle halbe Jahre mal ein Stapel zusammen kommt, fühlt es sich damit immer noch okay für mich an. Am schönsten ist aber am Ende trotzdem, wenn man fast nichts mehr ausmisten muss. Das habe ich lange geschafft aber im Moment ist gerade nicht so eine Zeit, weil Umzug, Kind, einiges kaputt gegangen. Aber es stimmt. Einfach fertig zu sein und nur noch zu haben, was man will, ist eine tolle Sache und auch irgendwo das Ziel von Minimalismus. Ich glaube dennoch, dass dieser perfekte Zustand nie dauerhaft sein kann. Eben weil wir uns doch alle irgendwann ändern. Sehr bewusste Minimalisten reißen sich vermutlich etwas besser zusammen als andere, und diese Veränderungen sind dann langsamer. Aber ganz weg sind sie nie.

Auch muss man immer den Kontext sehen. Minimalismus ist immer anders. Mit Familie anders als allein. Die Vorstellung davon, was »voll« ist, ist auch meistens sehr persönlich. Oder ob man manchen Besitz einfach trotzdem mag und will, wie Bücher oder Pflanzen. Es geht ja drum, das zu haben, was man wirklich braucht. Und das ist nunmal individuell. – Ich nähe zB. gern. Dabei entstehen auch einfach oft Übungsstücke und Schrankleichen, die irgendwann wieder gehen müssen. Aber bis dahin sind sie eben da und vielleicht muss ich noch kurz über sie nachdenken, herausfinden, was man das nächste Mal besser machen kann, und dann in aller Ruhe entscheiden, ob es denn nun wirklich weg soll.

An dieser Stelle bin ich allerdings ziemlich froh, dass ich eine Sache wirklich überwunden habe, und das ist diese Anhänglichkeit gegenüber Dingen, die mal schön oder teuer oder liebgehabt waren. Wenn sie durch sind, sind sie durch und ich mache mir dann klar: Es tut mehr weg, dieses abgestandene Ding zu behalten. Es tut nicht gut. Und es ist vernünftig und richtig, sich davon zu trennen.

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2 comments

Ines 13. Februar 2020 - 06:49

Mir geht es ähnlich, nur das ich die extreme Phase (bisher) ausgelassen habe. Im letzten Jahr habe ich gelernt, mich von der Kategorie ungeliebter Geschenke zu trennen. Gerade in dieser Woche haben mich von der Sorte 3 Teile verlassen und zwei werden nach dem nächsten Gebrauch noch folgen.

Mein Motto ist: nach dem Aussortieren ist vor dem Aussortieren. Es hört nie auf, weil ich nicht aufhöre, zu konsumieren. Aber beides wird immer weniger.

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Undine Almani 15. Februar 2020 - 05:08

Leider wahr 😌 Geht mir auch so. Auch weil viele Leute was abschleppen oder man sich einfach mal verändert und was anderes möchte… Ich will ja im Minimalismus auch nicht statisch/gefangen sein…

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