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Wohnungssuche in München – Kap. 1

by Undine Almani
Von der Wohnungssuche in München (als Familie)...

Die Vorbereitungsphase

Wohnungssuche lief für mich bislang meistens ungefähr so: 2-3 Tage Anzeigen durchsuchen im Internet. Möglichst schnell möglichst vielen Anbietern schleimige Copy-Paste-Texte schicken. Warten. In meinem einen Jackett, das wie reicher Spießer aussieht, und mit Gehaltszettel bzw. Studenten-Bittsteller-Kotau-Speichellecker-Bürgschaft beim Besichtigungstermin auftauchen. Viel brav nicken und gleichermaßen enthirnt wie interessiert grinsen. (Ich glaube, Makler merken nicht, dass sie die ganze Zeit selbst enthirnt grinsen und halten das womöglich für Höflichkeit. Vielleicht in Ermangelung besagten Hirns…) Dann schön die selbst mit der teuersten Münchner Schickeria-Brille samt Achteldioptrien-Aufpreis noch nicht lesbare 225. Kopie vom Excel-Entblödungszettel ausfüllen. Sich nackt und wehrlos fühlen und ein bisschen ärmer als man eigentlich ist. Warten. Mit etwas Geduld: Mietvertrag unterschreiben.

Das Ding an dieser Retrospektive: Extreme Wartezeiten, großes Glück und Geduld kamen darin nicht vor. Ich habe sie bisher nie gebraucht. Selbst in Erlangen, einer Stadt in der sich angeblich alle um Innenstadtwohnungen kloppen, habe ich nie länger gesucht als zwei Wochen. Schon dafür bekam ich oft diesen Blick, bei dem die Pupillen ganz in die Ecke der Augen rutschen und selbige ein bisschen zugekniffen werden. Keine Ahnung, vielleicht bin ich einfach gut darin, einer Anzeige anzusehen, ob sie scheiße ist und im richtigen Moment ein Telefon zu haben…

Ja. Und dann kam ich hier her. Nach München. Und alle, die schon länger hier gestrandet sind, und obiges Geprahle erstmals hören dürfen, machen dieses altkluge Gesicht. Dieses Gesicht, das ich vmtl. auch immer produziere, wenn jemand etwas furchtbar Lächerliches oder Naives sagt, ich ihm aber nicht sofort mit dem argumentativen Brett eine Gehirnerschütterung verpassen möchte… Kurzes, höfliches Schweigen macht sich breit, und dann wechselt man das Thema.

Aber. Es ist trotzdem so, dass ich sehr gut weiß, wie scheiße die Wohnungssuche in München ist. Und ich möchte manchmal all den abgeklärten Leuten, die dieses Wirst schon sehen-Face machen, einfach nur erklären, dass Zynismus zwar eine Coping-Strategie ist, aber kein Lösungsansatz.

Und abgesehen davon wird man ja wohl noch träumen dürfen, ohne dass die Naivität – eine Grundeigenschaft jedes Herzenstraums nun mal – unnötigerweise noch zur fehlenden Erwachsenheit hochstilisiert wird. Überhaupt: Irgendwie müssen doch all die genauso durchschnittlich verdienenden anderen Akademiker mit Kindern auch an ihre Altbaubuden mit Platz für eine Waschmaschine gekommen sein!, sage und denke ich.

Nur, je länger ich denke, desto öfter überfällt mich manchmal Entmutigung und die realistische Vermutung, dass es leider eine Mischung aus sehr großem Glück und extremer Ausdauer ist, wenn Leute in dieser Stadt eine nach meinen Vorstellungen erträgliche Wohnung gefunden haben.

Wir wohnen gerade im Grünen, mit eigenem Garten und Terrasse. Wanne, riesiger Keller, abschließbarer Fahrradschuppen, drei Supermärkte kloppen sich um unsere Kaufkraft und keiner davon ist ein Aldi. In unter einer halben Stunde bin ich mit dem so-called Radl zur Arbeit getrödelt. Hier wohnen nur Rentner und arbeitende Leute mit wenig Zeit. Noch ein paar mit Kindern, die zum Teil gerade zu Hause sind. Aber im Prinzip trifft die Formulierung Vollbeschäftigung für besagte Demografie ins Tiefschwarze. Leider (oder aus reflektierter Sicht: Gott sei Dank) gehören wir nur nicht zu den Leuten, die Teil dieser CSU-Landidylle bleiben wollen, sondern zu den verzweifelten sentimentalen Idioten, die von einem urbanen Wohnungchen an der Stammstrecke träumen. Oder wenigstens da, von wo man noch mit meiner 18 Jahre alten Klapperkiste gut zum Kita- und Arbeitsplatz kommt. Und abgesehen davon sind 2 Zimmer, Wohnküche mit gezählt, für zweieinhalb Leute auf Dauer echt zu klein…

Also haben wir uns neulich auf einem Spaziergang durch Suburbia dazu entschlossen, die Wohnungssuche etwas aktiver anzugehen. Mein halbes Herz lacht hämisch, mein anderes halbes krümmt sich gestresst. Ja, mach nur einen Plan! schallt es in meinem Kopf. Mach ’nen Plan, Möchtegern-Stadtschlampe, wirst schon sehen. Du kommst hier nicht raus. Bzw. rein, nach Pasing-Obermenzing, Laim oder Neuhausen. Ha ha ha!

Ehrlich, es tut ein bisschen weh, wenn ich Freunde in der Stadt besuche, und dann abends zurück fahren muss in unsere Speckgürtelstille, die nur von 6 bis 22 durch eine postmoderne Kirchenglocke gestört wird. Es klingt nach Blech und sieht auch so aus. Ich will auch gar nicht absurd werden und glauben, wir könnten einen Volltreffer landen. Günstig und schön und in guter Lage. Aber je mehr Abstriche ich von meinem Traum mache, desto blöder fühle ich mich eben. Ich möchte abends nicht 20 min Bahn fahren müssen, nachdem ich genauso lange am Gleis stehen musste, weil S-Bahn in München so eine Art geschrumpfter Regionalzug ist.

Wohnen ist nicht belanglos. Warum sonst bauen die anderen alle ihre Kompromisshäuser irgendwo zwischen hier und Augsburg? Weil sich eine Wohnung in der Stadt nicht lohnt, und man es schön haben will. Und ein paar glauben vmtl. auch, dass für Kinder das Land das Allertollste ist. Keine Ahnung, was an Kuhscheiße, fehlenden anspruchsvollen Sozialkontakten und langsamem Inernet toll ist, aber (schnell den ü40-Bullshit-Bingo-Zettel raus!) das muss sowieso jeder selbst wissen… Meins ist es nicht. Ich liebe das Stadtleben, Stadtgeräusche, Stadtläden, Stadtmenschen, Stadtcafés. Ich will nicht weiter raus, und wenn da noch so viele Grashalme winken, in denen ich dann an zwei Wochenenden im Jahr einen kaputten Drachen steigen lassen kann. Ich will es einfach nicht.

Mein Mann sieht es zum Glück genauso. Er teilt mein Sentiment für das Gefühl, es abends nach einem Besuch in irgendeinem netten Ding nicht weit nach Hause zu haben. Sich hinter einer Tür aus Holz, die auch so aussieht, in sein Secondhand-Sofa plumpsen zu lassen. Das Licht ist gelb und die unentgeltlich selbst abgeschliffenen Dielen sehen darin sehr gut aus… Ach…

Wir sitzen auf dem Boden mit einem Zettel und schreiben auf, was wir tun müssen, damit wir überhaupt erst mal einen für übermüdete Köpfe noch zumutbaren kleinen Überblick bekommen. Seit zwei Jahren wohnen wir hier, aber ich weiß nicht mal die Namen der Stadtteile von München. Ich habe sie alle schon mal gehört, aber falls ein Heimatkundelehrer mich in der S-Bahn von hinten anspringen und abfragen würde, bekäme ich eine schlechte Note. Naja, ich bin ja auch eine linke Öko-Person* ;-P, ich finde schlechte Noten in Fächern wie Heimatkunde und Sport voll in Ordnung. Ist ja fast schon eine Auszeichnung, wenn man weiß, wo der Jemen liegt, aber nicht, welcher dämliche Borkenkäfer aktuell im Landtag äh, im Bayerischen Forst heimisch ist…

Vielleicht sollten wir eine Anzeige im Münchner Merkur oder irgendeinem anderen Trashblatt schalten? – Alte Säcke mit Wohnungen lesen sowas! sagt mein Mann zu mir.

— Ja, und was hattest du davor gemeint?, frag ich.

WG-Gesucht.

— Ist das nicht Studentenkacke…? Nee, stimmt, deine Wohnung haben wir damit auch losgekriegt… Hm. Okay.

Ich schreibe WG-Gesucht auf den Zettel.
Also was war das mit dem Merkur? Münchner Merkur… Das kostet so 35 Euro…

Und andere Trash-Blätter! Nicht nur den Merkur!

— Ja, hab ich schon aufgeschrieben, ist ja gut!

Das ist vorerst alles, der Tag schon wieder fast vorbei. Die Müdigkeit ist vielleicht das größte Problem bei der Wohnungssuche, dicht gefolgt von der Tatsache, dass wir beide arbeiten. Das ist auch der markanteste Unterschied zu früher, als ich es noch nicht so dramatisch fand, umzuziehen. Macht man halt alle 2-3 Jahre mal, was soll’s? Ich glaube, die Wohnungssuche hier wird sehr lange dauern und mir menschlich noch jede Menge beibringen, vielleicht nicht unbedingt Gutes. Ich bleibe trotzdem irgendwo bei meiner Hipsterhoffnung auf ein schönes Stück Parkett.

Falls ich es finde, schreibe ich davon und mache viele viele schöne Fotos. Denn ich finde, Wohnen ist so sehr leben. Es ist Heimkommen und Ausruhen und sich von Menschen und Pflichten erholen. Den Tag beenden, das Kind ins Bett bringen, die heiße Dusche, das gute Essen, Zuzweitsein. Schon möglich, dass man überall glücklich sein kann, wenn man unbedingt will. Ich wäre es aber lieber in einer schönen Bude.

Das Titelbild ist übrigens die erste Seite meines Bullet Journals. Ich will mir endlich merken, wie die Stadtteile heißen und wo sie liegen. Und ich wollte in meinem Wahn irgendwie die gruseligen Mietpreise niedlich illustrieren.

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