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Minimalismus mit Familie: Was anders ist.

by Undine Almani

Ich fühle mich nicht anders als die Mütter fremder Kinder, bis ich ihre Wohnungen von innen sehe. Kinderzimmer, in denen der Boden mit Spielzeug bedeckt ist, oder in denen Kommoden mit Schubladen randvoll damit gefüllt sind. In denen sich in der Wohnung Wäscheberge und im Keller Kisten von Kleidung stapeln; und daneben Kisten mit Spielsachen und daneben Kisten mit dem gleichen Zeug, aber noch von den Eltern. Ich kenne das auch, aber dann merke ich: Nur in meinem Kopf erscheint es so viel. Das unterscheidet mich dann von Leuten, die sich nicht bewusst als minimalistisch bezeichnen. Es beruhigt mich auch, ganz ohne Schadenfreude, wenn andere Menschen deutlich mehr Zeug haben als ich. Es ist mehr so ein: Fuck! Zum Glück sieht es bei uns nicht so aus. Mich erschrecken die Konsumhaufen oft auch ganz schön. Und sie sind immer begleitet von dem Gefühl, dass es ja durchaus Zufall ist, dass ich nicht mehr so lebe. Dass es immer einen achtsamen Umgang mit dem Leben erfordert, ein gesundes und kleines Maß an Dingen zu halten, und sich nicht ständig zu vergrößern.

Aber was ist jetzt wirklich anders bei uns und wie kam das? Das Wie ist einfach. Ich bin einfach schon lange so drauf. Ich sehe mehr Besitz als die essentiellen Dinge als unnötige Belastung, um die ich mich ständig kümmern muss, und damit als Verlust an Lebensqualität. Je weniger ich habe, desto fröhlicher bin ich. Wenn Neues dazu kommt, muss ich gründlich überlegen, ob es mir gut tut. Ich hinterfrage meinen Konsum immer, jeden Tag. Und es war mir klar, dass sich das mit dem ersten Kind nicht ändern würde. Und dass ich es auch nicht ändern will.

Was anders ist, erfordert schon eine ausführlichere Antwort. Offensichtlich ist schnell: Ja, es liegt nichts rum in unserer Bude. Also an guten Tagen (die sind aber die Regel). Es gibt auch stressige Tage, an denen irgendeine Präsentation fertig werden muss oder an denen ich einfach zu müde für alles bin. Aber im Großen und Ganzen ist meine Lebenseinstellung: Lieber gleich die Jacke aufhängen, auch wenn ich müde bin, und dafür später, wenn Kind im Bett, nicht die Wohnung aufräumen müssen.

Spielzeugfreie Zone

Ich höre auch von vielen Eltern, dass sie am Wochenende oder wahlweise Freitagabend erst mal den Staubsauger zücken und alles Chaos der Woche beseitigen. Hab ich keine Lust drauf. Am Wochenende werden Sachen gemacht. Ich möchte Samstagmorgen aufwachen und nichts herumliegen sehen. Ich möchte aus meinem Bett – haha, ich habe kein Bett… – also von meiner Matratze… aufstehen und auf nichts treten, schon gar nicht auf Spielzeug. Und ich möchte allgemein kein Spielzeug in meinem Zimmer.

Wir leben in einer Familien-WG, in der jeder sein eigenes Zimmer hat. Und in jedem eigenen Zimmer sind die eigenen Sachen. Sie sind nicht im Flur, im Bad, in der Küche. Wer Kram hat, behält ihn selbst. Das gilt auch für das 19 Monate alte Babylein.

Ich finde es nicht schön, überall Spielzeug zu haben. Es macht einen Raum unruhig und das ist mir einfach zu unentspannt. Viel unentspannter als das ganze Aufräumen. Ich finde herumliegende Dinge auch nicht lebendig oder gemütlich oder kindgerecht oder unvermeidlich. Es gibt ein Zimmer für die Spielsachen, das Kinderzimmer.

Deswegen wird natürlich trotzdem ab und zu welches rein geschleppt. Aber wenn mein Kind wieder abhauen will, sage ich: „Hey, warte mal.“ Und. „Hier, Schatzi, aufräumi!“ Ganz einfach. Funktioniert vielleicht nicht immer. Hat aber eine steile Lernkurve. Das Baby nimmt sein Wägelchen wieder mit, seine Puppe, sein Auto. Nur ein paar Bücher sind in meinem Bücherregal mit untergebracht. Das haben wir so gemacht, damit sie auch mal an dieses große interessante Ding darf, also damit es ein Mini-Yes-Space für sie ist. Ich möchte nicht ständig „Nein!“ sagen und erklären, dass die Bücher tabu sind.

Abgesehen von diesem kleinen Kompromiss gibt es aber wirklich kein Kinderspielzeug in meinem Schlaf- und Arbeitszimmer. Vielleicht wird auch deshalb wenig rein gebracht, weil es einfach karg und uninteressant ist und das Spielen dann da stattfindet, wo die Spielsachen sind. In meinem Zimmer können wir deswegen trotzdem auf der Matratze hüpfen, Malen, aus dem Fenster gucken, auf den Balkon gehen. Es sind eben andere Sachen, für die dieser Raum ist.

Alles hat einen Ort und eine Zeit

Ich denke auch, Kinder brauchen räumliche und zeitliche Routine. Sie lernen Orte viel schneller als Abläufe. Und Abläufe mehr als „Das kommt nach dem, und dann das.“ Vor dem Abendbrot räumen wir auf, danach wird geduscht. Aber nicht „Abends wird irgendwann aufgeräumt.“ Es ist gut, Abläufe zu Ritualen zu verknüpfen. Wenn man weiß, dass es nach dem Aufräumen lecker Essen gibt, macht es auch mehr Spaß… vermute ich jedenfalls. Und mein Kind hasst Aufräumen nicht. Aufräumen ist ganz normal und wird einfach jeden Tag gemacht. Sie macht mit. Sie gibt mir Zeug, wenn ich sie drum bitte. Kein Zwang, sondern Alltag.

Sie lernt dabei: Jedes Ding hat einen festen Platz. Oder auch einen relativen Platz. Die Autos stehen immer an der Wand. Aber Bücher schmeißen wir nicht ins Klo. Wir legen sie irgendwo ab, wo sie nicht im Weg sind. Jacken kommen an die Garderobe und die Wäsche in den Wäschekorb. Die Windeln im Eimer riechen, die im Wäscheschrank nicht. 

Das macht die Seelenordnung und es entspannt. Es ist ein tolles Gefühl, zu wissen, dass nichts verloren geht, dass ich immer weiß, wo unsere Sachen sind. Und mein Kind weiß es auch. 

Sehr wenige Spielsachen, und Sachen

Wir haben wenige Dinge, weil wir wenige täglich brauchen. Regelmäßig räume ich unbespielte Sachen in eine Kiste im Kinderschrank. Dort bleiben sie, bis sie wieder interessant sind. Draußen sind nur Sachen, die gebraucht werden oder thematisch zusammen passen. 

Unsere Spielsachen sind sortiert. Es gibt Körbchen. Das kommt alles aus der Montessori-Pädagogik. Aktivitäten, Themen, Haptisches. Jedenfalls haben wir zB. ein Musikkörbchen, ein Körbchen mit Püschtieren, eins mit haptisch interessanten Holzdingen. Die Sachen werden immer wieder in die passenden Körbe gepackt am Abend. Ich interveniere da zwar nicht, wenn der Rasselball bei den Musikinstrumenten landet, obowohl es noch einen Korb nur mit Bällen gibt, aber ich achte schon drauf, dass es seine Logik hat. 

Ihre Sachen sollen auffindbar sein, und sie soll nicht mehr haben, als sie überblicken kann. Das möchte ich selbst nicht, warum soll ich es meinem Kind zumuten? 

Analog machen wir es mit Klamotten. Oft kaufe ich erst, wenn wir sie brauchen, gebrauchte Sachen online. Vieles haben wir aber auch aus dem Freundeskreis bekommen. Leider sammelt sich trotzdem einiges im Keller. Ob wir noch irgendwann ein zweites Kind haben werden? Keine Ahnung! Ob ich die Klamotten so lange aufhebe? Vermutlich ja…. bis ich mir sicher bin, was ich will. Aber nach spätestens 5 Jahren (da bin ich außerdem über 40) werde ich mich trennen. Denn die brauchen echt viel Platz. Unser Anderthalbjähriges hat jetzt 2 Kisten und 1 Koffer. In eine Kiste passen noch ca. 2 Größen. Man unterschätzt es ziemlich, wie viel das ist, und mich nervt es, Platz für Kleidung zu verschwenden, weil ich Platz zum Bewegen brauche. 

Schrott muss sofort gehen, nicht später

Es gibt auch Kindersachen oder Spielzeug und auch Erwachsenendinge, die einfach unbrauchbar sind. Oder hässlich. Wir haben gelernt, uns schneller zu trennen, wenn uns etwas nicht gefällt. Es landet einfach gleich in der Geschenkekiste auf der Straße oder bei ebay Kleinanzeigen. Wir wollen dann auch nicht mehr viel Geld dafür, wir wollen den Platz und unsere Ruhe. Sich von diesem Gedanken zu trennen, dass man aus allem noch was rausholen kann, ist mit das Wichtigste am minimalistischen Leben mit Kindern für mich. Ohne diese Einsicht wird man den Kram nicht schnell genug los. 

Zu viele Erinnerungen 

Auch Erinnerungen sind irgendwie zu Kram geworden. Also heutzutage, nicht generell. Aber in der Zeit, in der wir leben, werden Erinnerungen gemacht wie Konfetti. Es gibt einfach zu viele davon. 1000+ Fotos, wo früher mal keine 100 für ein ganzes Leben gereicht haben. Von meiner Kindheit gibt es ein Album. Nicht eine Festplatte mit 35 Jahren und je 12 Ordnern pro Jahr. 

Ich habe mir eine Kompaktkamera geholt, weil Schnappschüsse mit der DSLR einfach nichts sind. Aber auch die nutze ich nur für interessante Momente. Handyfotos mache ich fast gar nicht. Ich brauche keine verrauschten, verwackelten Bilder, an deren zugehörige schöne Momente ich mich dann erinnern kann. Ich möchte schöne Bilder von schönen Momenten. Warum sollte ich sonst überhaupt Fotos machen? Erschließt sich mir nicht, sowas. Fotos sind entweder gut oder nutzlos. Wenn ich mich nur irgendwie erinnern will, kann ich auch Tagebuch schreiben.

Multi-purpose denken und sparen

Ein anderer wichtiger Punkt neben dem Loslassen können ist das Denken abseits von single-purpose Sachen. Es gibt einfach so viele Baby-Dinge, die nur einem Zweck dienen und ich finde es sehr hilfreich, sich anzugewöhnen, immer kurz zu zögern, wenn man so einem Ding begegnet. Muss es wirklich sein? Gibt es kein Workaround? Keine andere Lösung? Nichts, wovon man mehr hat? 

Ich vermeide Dinge, die nur einem Zweck dienen, und ich mache lieber einen Kompromiss bei der Praktikabilität. Denn Kindersachen braucht man nie lange und wenn es das Leben nicht wirklich und längerfristig erheblich vereinfacht – und zwar an einer Stelle, die sonst richtihg lästig ist – dann ist es einfach nicht nötig. 

Minimalismus bedeutet ja auch Geduld und Kreativität

Ich sehe dieses Einknicken von Eltern unter dem Alltag immer wieder, und das ist einfach kein Punkt, an dem ich sein will. Ich kann warten und ich kann auch mal Dinge improvisieren.

Vor einiger Zeit war mein Kind ziemlich plötzlich aus allen Hausschuhen herausgewachsen. Fußwachstum kann sehr erschreckend sein. Der Impuls ist dann natürlich da: Scheiße, wir brauchen Schuhe. Aber statt alles liegen zu lassen, mich auf Schuhrecherche zu begeben und neue zu bestellen, habe ich gewartet – und voilà: Sie hat auf unerklärliche Weise von selbst gelernt, auch mit Socken nicht hinzufallen. Das war Herbstanfang und einigermaßen lauwarm. Jetzt im Winter haben wir neue (gebrauchte) Hausschuhe, weil es sonst zu kalt ist. Aber das hat mir Zeit gegeben und war entspannter als dieser ständige Kaufzwang. Ich mag das nicht. Dass immer alles sofort gelöst werden muss, nur weil es ums Kind geht. Nein. Muss es nicht. Das wenigste davon ist lebensnotwendig. Es ist nur bequem. Und bequem ist für mich kein Grund, sondern eine Ausrede. 

Ich habe mir das einfach komplett abgewöhnt, in Panik zu geraten, weil irgendein Kinder-Item fehlt. Ich glaube, das betrifft aber leider noch viele Leute mit Kindern. Gerade diese ganze Online-Bestellerei. Ich sehe das sehr oft bei Familien mit kleinen Babys. Bewegungslos im Wochenbett aber die neue Wolle von Lana Luna Lina, so schön! Und diese Babywanne, wieso haben wir eigentlich keine Babywanne? – Das sind halt alles Dinge, auf die man verzichten kann, wenn man mal den inneren Millenial ausschaltet. Nichts passiert, wenn man ein paar Wochen irgendein Konsumgut nicht hat. Insbesondere Spielzeug. Oh Gott, mein Kind verpasst die Phase, in der dieser Organic Birch Wood Turm in Strandfarben interessant ist!! Und gerade jetzt wollte ich doch ihre Fähigkeit, Zeug zu stapeln, fördern….! Genau.

Also einfach öfter mal warten. Und wenn man nicht warten kann: Pinnen. Oder irgendwo speichern, Lesezeichen anlegen, Notizbuch füllen. Dann gibt immerhin unser Hirn Ruhe und wir können an was Anderes denken. Im Zweifelsfall schafft man vielleicht nur Zeit bis zum Abend aber das reicht dann vielleicht wenigstens, dass der Partner noch eine Chance hat zu intervenieren… 

Manchmal denke ich übrigens schon, es wäre schön, mehr zu haben. Mein Mann findet das Kinderzimmer karg. Ich finde es genau richtig. Aber mein eigenes ist so leer, es ist wirklich weiß und sehr schlicht. Es ist fast schon ärmlich eingerichtet, denke ich manchmal. Nichts zeigt Wohlstand oder Gemütlichkeit. War nicht das Kämmerchen, in dem ich als Kind bei meinen Großeltern geschlafen habe, so viel kuscheliger, mit all dem Zeug, den Teppichen, Decken, Kissen, Sesseln. Mehr Sitzgelegenheiten für Katzen als für Menschen. Ein Fernseher, Pflanzen, Bücher, Vasen. 

Ich sitze auch gerne in Cafés, in denen es nicht zu schlicht ist. In denen es lebt. Aber bei mir zu Hause, da will ich das nicht. Und ich kann nicht genau sagen, ob aus Faulheit oder dem Bedürfnis nach optischer Ruhe ist, aber beides spielt definitiv eine Rolle. Einerseits räume ich nicht gern auf und wenn, dann muss es logisch und effizient sein. Andererseits gucke ich nicht gern auf volle Wohnbereiche. Ich will keinen Deko-Kram. Ich will keine Fensterbank voller Grün. Ich will auch nicht meine eigene Kunst an der Wand, oder Bilder von Familienmitgliedern. Mein Kopf ist so voll mit Text und Bildern den ganzen Tag, wenn ich abends heim komme, will ich nichts mehr sehen. 

Ich mag einfach Klarheit. Ich kann und will nicht in einer unruhigen, unordentlichen Umgebung leben und warum sollte ich? Unordnung ist keine Neuerfindung von Freiheit für mich sondern bloß Kram, der keinen guten Platz hat. Freiheit ist, wenn ich meine Yogamatte an drei verschiedenen Ecken des Zimmers ausrollen kann, und wenn ich nach keinem Stift jemals suchen muss. Und nach keinem Buch und nach keinem Block und nach keinem Spielzeug. Alles ist da und alles ist einfach. 

Allerdings bin ich auch noch ein Stück entfernt von dem, was für mich ideal wäre. Ein leerer Keller. Vielleicht ein Fahrrad drin, Werkzeug, Vorräte, ein paar Steuer-Ordner und die Stoffe. Aber das ist nicht machbar im Moment. Die Kinderklamotten, Studienunterlagen, Kisten mit Sachen zum Verkauf. Es stapelt sich und wartet auf Entsorgung oder Sortiert werden. Dafür habe ich kaum Zeit und dann sage ich mir, okay, es ist wenigstens in der Wohnung schön leer. Vielleicht schreibe ich nächstes Jahr, wenn ich es hoffentlich geschafft habe, einen Beitrag darüber, wie das funktioniert. 

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